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Die Datierung des Mühlengebäudes der Lahrensmühle

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von Volker Trugenberger


Auf der von dem württembergischen Oberrat Georg Gadner gefertigten Karte des Leonberger Forsts von 1590 wird die Lahrensmühle als Neümül, also als "Neue Mühle", bezeichnet. [1] Die Mühle war also in den Jahren zuvor neu erbaut worden. Diesen Neubau dokumentiert bis heute eine Jahreszahl an einem Konsolbalken auf der südlichen Giebelseite des Mühlengebäudes.

Die Jahreszahl wurde bisher immer mit 1571 gelesen. [2] Unter der Jahreszahl sind bei genauem Betrachten noch die beiden Buchstaben M und A zu erkennen. Indes, das Jahr 1571 ist nur schwer mit den archivalischen Quellen zum Neubau in Einklang zu bringen:

♦ Bei einer Visitation der Mühlen von Stadt und Amt Leonberg zu Beginn des Jahres 1572 werden Mängel im Mahlwerk und im Wasserbau festgestellt und es heißt, die Lorins Mülin sei ganntz bawfällig. [3]

♦ Am 6. Juni 1575 quittiert Hans Buntz, ehemaliger Müller auf der Lahrensmühle, den Empfang von 160 Gulden, die er für die Abtretung der Mühle an den Herzog von Württemberg als Restsumme nach Abzug seiner Schulden erhält. Buntz hatte die Mühle als Erblehen des Herzogs von Württemberg innegehabt. [4]

♦ In dem 1574 begonnenen und 1578 abgeschlossenen Lagerbuch über den Besitz und die Rechte des Herzogs von Württemberg in Eltingen wird als Inhaber der Mühle Oswald Oswald genannt und auch auf die Umstände des Neubaus kurz eingegangen: Dise Mülin ist der Herrschafft Wurtemberg von wegen des Unbaws und der daruff stehenden Güllten heimgefallen und in derselben Costen von Grund uff von Newem erbawen und uf drei Jar lang Hans Buntzen verlühen gewesen, aber dem jezigen Innhaber umb ein benante Suma Gellt verkaufft und zum Erb verlühen worden vermög und innhallt eines derwegen gegebnen Lehenrevers, zue Stutgarten bei der Registratur ligendt ... . [5]

♦ Der Erblehenrevers des Oswald Oswald war 1578 beim Abschluss des Lagerbuchs noch nicht in der Registratur. Denn er wurde erst nachträglich am 3. Februar 1580 ausgestellt. Darin heißt es unter anderem, Oswald Oswald erhalte die neu erbaute Lahrensmühle vom Herzog von Württemberg gegen eine einmalige Kaufsumme von 2000 Gulden und die in den Lagerbüchern genannte jährliche Abgabe als Erblehen, nachdem der Herzog von Hannß Buntzen, Müllern zue Ölltingen, die Laarinsmülin daselbsten, welche vom Herzog er inn erblehensweyß bessessen unnd innengehabt, von wegen der hinderstelligen [= nicht bezahlten ausstehenden] Güllten unnd das er solche Mülin inn Abgang unnd Unbaw khommen lassen umb ein bestimpte Summa Gellts nach Schultheiß unnd Gerichtz zu Ölltingen Erkhandtnus zu Handen nemmen unnd von Newem mit grossem Uncosßten erbawen muessen. [6]

Wenn wir nun die Aussagen der genannten vier Quellen zusammenfassen, ergibt sich folgende Chronologie: Zu Beginn der 1570er Jahre, wohl 1572, erhielt Hans Buntz die Lahrensmühle als Erblehen des Herzogs von Württemberg. Buntz war wirtschaftlich weder in der Lage, notwendige Bauunterhaltungsmaßnahmen durchführen zu lassen noch der Herrschaft den jährlichen Zins für die Mühle zu bezahlen. Die Mühle fiel deshalb an den Herzog heim. Dies war wohl 1575, denn am 6. Juni dieses Jahres quittierte Hans Buntz ja den Empfang der Summe, die ihm als Restbetrag nach Abzug seiner Schulden für die gerichtlich verordnete Abtretung der Mühle noch zustanden. Erst danach wurde ausweislich des Lagerbuchs mit dem Neubau des Mühlengebäudes begonnen, und zwar, da das Bauholz im Winter gefällt wurde, frühestens im 1576, nicht – wie die Inschrift nahelegt – 1571. Nach Fertigstellung des Neubaus wurde die Mühle als Erblehen an Oswald Oswald verkauft, der 1580 einen Erblehenrevers ausstellte.

Was sagt die Bauforschung zum Erbauungsdatum? Der heutige Besitzer der Mühle, hat 2001 eine dendrochronologische Untersuchung beim Jahrringlabor Hofmann in Nürtingen in Auftrag gegeben. In zwei Tannenbalken im Dachgeschoss des Mühlengebäudes, nämlich in einem Riegel auf der Westseite und einem Binderbalken auf der Ostseite, wurden Proben entnommen. Bei dem Balken auf der Ostseite war keine Waldkante vorhanden, die ein genaues Datieren des Fälldatums erlaubt hätte. Der untersuchte Balken auf der Westseite weist hingegen eine Winter-Waldkante auf, die auf das Jahr 1575 datiert werden kann, das heißt der Baum wurde im Winter 1575/76 gefällt. [7]

Der Neubau der Mühle stammt also aus dem Jahr 1576. Die Jahreszahl auf dem Konsolbalken ist demnach als 1576 zu lesen, wobei die Schlinge der Ziffer 6 stark verwittert ist. Denn es ist unwahrscheinlich, dass der Balken 1571 für ein anderes Gebäude bearbeitet und inschriftlich gezeichnet wurde und fünf Jahre später an der heutigen hervorgehobenen Stelle als Zweitverwendung verbaut wurde.

Mit einer Datierung in das Jahr 1576 können auch die beiden Buchstaben M und A gedeutet werden, sofern sie denn zusammen mit der Jahreszahl und nicht später angebracht wurden. Es ist anzunehmen, dass es sich bei den beiden Buchstaben um Namensinitialen handelt, die auf den Mühleninhaber, einen mit dem Bau befassten herzoglichen Beamten oder den ausführenden Zimmermann hinweisen sollen. Die Inhaber der Mühle im fraglichen Zeitraum scheiden aus, da die Namen des Hans Buntz und des Oswald Oswald mit anderen Buchstaben beginnen und beide zudem nichts mit dem Neubau zu tun hatten. Unter den herzoglichen Beamten kommen die Leonberger Bezirksbeamten in Frage. Der Obervogt und der Untervogt vertraten den
Landesherrn in allen hoheitlichen Angelegenheiten, der Keller verwaltete die herrschaftlichen Einkünfte, wobei in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Amt des Kellers bis auf wenige Jahre mit dem des Untervogts in Personalunion vereinigt war. Obervogt war in Leonberg im fraglichen Zeitraum Reinhart von Rüppurr, der dieses Amt von 1564 bis zu seinem Tode 1586 innehatte.

Abgesehen davon, dass der Anfangsbuchstabe seines Vor- und Nachnamens nicht mit den beiden Buchstaben am Balken übereinstimmt, hätte der adlige Obervogt bei einer Bauinschrift sicher sein Wappen anbringen lassen, mindestens jedoch bei seinen Namensinitialen auf das Adelsprädikat von (oder die Abkürzung v.) nicht verzichtet. Bei den drei Untervögten und Kellern der 1570er Jahre Hans Aichmann, Benedikt Krafft und Georg Genkinger passen ebenfalls die Anfangsbuchstaben ihrer Namen nicht. [8] Es bleibt der Zimmermann, der den Bau errichtete.

In der Tat lebte im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts in Leonberg ein Zimmermann, dessen Vor- und Nachnamen mit M und A beginnen, nämlich Mathis Abelin. Mathis Abelin muss in seinem Handwerk weit über Leonberg hinaus einen guten Ruf gehabt haben. Denn 1596 arbeitete er höchstwahrscheinlich im Auftrag des Jakob von Gültlingen in Deufringen am dortigen Schloss und 1609 erhielt er von dem herzoglichen Baumeister Heinrich Schickhardt den Auftrag, einen Gang vom Leonberger Schloss in die Stadtkriche zu bauen. Er war der Sohn des aus Böblingen stammenden Zimmermanns Jörg Abelin, der sich 1567/68 in das Leonberger Bürgerrecht eingekauft hatte. Sein genaues Geburtsjahr ist nicht überliefert. 1580 wurde er in Leonberg als Nachfolger seines verstorbenen Vaters zum städtischen Werkmeister berufen, eine Funktion, die er wohl bis zu seinem Tod wahrnahm. Spätestens 1580 war er demnach selbstständiger Meister.

Wenn damals bereits die Regelung Anwendung fand, die Herzog Ludwig von Württemberg 1590 in seine Zimmerordnung für Stadt und Amt Stuttgart aufnahm, dass nämlich niemand selbständiger Zimmermeister sein durfte, der nicht vier oder fünf und zwanzig Jahr seines Alters vollkommentlich erreicht hatte [9], so dürfte er um 1555 geboren sein. Dem entspricht die Angabe im Leonberger Totenbuch, er sei bei seinem Tod im Oktober 1611 (er starb zusammen mit seiner Frau an der Pest) über 50 Jahre alt gewesen. An der Lahrensmühle hätte sich Mathis Abelin somit im Alter von ungefähr 20 Jahren als Geselle seines Vaters verewigt. [10]

[1] Hauptstaatsarchiv Stuttgart (HStAS) N 3 Nr. 1 Bl.7.

[2] KONRAD FRÖSCHLE: Eltingen - ein Streifzug durch die Ortsgeschichte. [2. Aufl.] Leonberg-Eltingen 1982. S.146. - WILFRIED SETZLER u.a.: Leonberg. Eine altwürttembergische Stadt und ihre Gemeinden im Wandel der Geschichte. Stuttgart [1992]. S.149 - Freundliche Auskunft von Frau Dr. Anneliese Seeliger-Zeiss, Inschriftenkommission der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, 2000. - THOMAS HAEBERLE / VOLKER TRUGENBERGER: Des Laarins Mülin. Dokumente zur Geschichte der historischen Lahrensmühle (Veitenmühle) 1350 bis heute. Leonberg 2000. S.16.

[3] HStAS A 572 Bü 32.

[4] HStAS A 368 Bü 42.

[5] HStAS H 101 Bd. 946 fol.223v.

[6] HStAS A 368 U 80.

[7] JUTTA HOFMANN: Dendrochronologische Altersbestimmung am Objekt Leonberg, Lahrensmühle. Protokoll der Probenentnahme am 14.07.2001, Ergebnis und Kommentar (Auftragsnr. 140701/1). Jahrringlabor Hofmann Nürtingen 06.08.2001 (als frühest mögliches Fälldatum des Balkens auf der Ostseite wurde das Jahr 1565 ermittelt).

[8] WALTHER PFEILSTICKER: Neues württembergisches Dienerbuch Bd 2. Stuttgart 1963. § 2532, 2537-2539. - VOLKER TRUGENBERGER: Zwischen Schloss und Vorstadt. Sozialgeschichte der Stadt Leonberg im 16. Jahrhundert. Vaihingen/Enz 1984. S.82-83.

[9] Vollständige, historisch und kritisch bearbeitete Sammlung der württembergischen Gesetze. Hrsg. von A[UGUST] L[UDWIG] REYSCHER. Bd. 13. Tübingen 1842. S.239.

[10] KARL HEß: Die Leonberger Zimmermannsfamilie Abelin/Abel. In: Südwestdeutsche Blätter für Familien- und Wappenkunde 9 (1957) S.477-479. - TRUGENBERGER (wie Anm. 8). 2. Teil: Die Leonberger Bürgerschaft 1560-1580. S.1.