1908 |
||
|
|
ersteigert Emil Lautenschlager die zur Zwangsversteigerung ausgeschriebene Lahrensmühle. Im Grundbuch steht eingetragen:
Neuer Eigentümer: Lautenschlager Emil, lediger Müller aus Flacht, jetzt Lahrensmüller hier. den 2. Mai 1908 Der Vorbesitzer, Albert Kühnle, hatte kurz zuvor sein erfolgloses Müllerdasein auf der Lahrensmühle in vergleichsweise spektakulärer Manier beendet: Lautenschlager war einer der Söhne der Flachter Mühle, dort aber nicht zur Nachfolge ausersehen, sodass er sich nach einem anderen Erwerbsort umsehen musste. Er nimmt umgehend Besitz von seiner Neuerwerbung, zieht in die Lahrensmühle ein – gemeinsam mit seiner Schwester, die ihm für einige Jahre den Haushalt führt. Nur kurz nach der Eigentumsübertragung wird der Mitgliedsschein zur Müllerei-Berufsgenossenschaft ausgestellt. |
|
1911 |
||
|
Dank Fleiss und Tatkraft geht es voran an der Lahrensmühle. Der Gründung einer eigenen Familie steht nun nichts mehr im Wege. |
|
1922 |
||
|
|
Die Müllerei betreibt Emil Lautenschlager mit Elan. Aber es gibt immer wieder Schwierigkeiten mit der ausreichenden Wasserversorgung. So ist vom 4. Januar die Abschrift eines Protokolls erhalten, das sich mit den Folgen des Wasserentzugs befasst. |
|
1924 |
||
|
Die Versammlung der Müllervereinigung des Bezirks Leonberg, aufgenommen am 17. Juli, lässt erahnen, dass die Müller noch ein einträgliches Geschäft betrieben. Schliesslich war die Landwirtschaft und damit der Getreideanbau in der hiesigen Region einer der wichtigsten Erwerbszweige. Wir erkennen Emil Lautenschlager als den Dritten von links in der Reihe der vorn Sitzenden. |
|
1932 |
||
|
Nur eine einzige Aufnahme ist uns aus früheren Zeiten erhalten, auf der das Innere der Lahrensmühle abgebildet ist. Wir sehen Emil Lautenschlager mit seinem langjährigen Gesellen Fritz Müller aus Eltingen. In der Mitte sind die ledernen Transmissionsriemen zu erkennen, mit denen die verschiedenen Maschinen angetrieben werden. Nur wer einmal diese Technik in Aktion erlebt hat, kann sich eine Vorstellung vom Alltag des Müllers machen. Das war keine beschauliche Tätigkeit, sondern eine von Lärm und Staub geprägte Arbeit. |
|
|
Die anfallenden Transporte erfolgten bei Müller Lautenschlager durch ein pferdebespanntes Fuhrwerk. Der Pferdeknecht holte Getreide, lieferte Mehl aus und versorgte die Tiere. |
|
1939 - 1945 |
||
|
Auf Grund seines Alters muss Emil Lautenschlager nicht an die Front, und er bleibt auch vom Einsatz in der Volksfront verschont. Die Kriegsjahre übersteht die Lahrensmühle und ihre Bewohner unbeschadet. Lediglich in den allerletzten Kriegstagen verirren sich einige Artilleriegeschosse der einrückenden Franzosen ins Mühlenareal und hinterlassen geringfügige Schäden. |
|
1947 |
||
|
Eine Renovierung des alten Wohnhauses neben der Mühle ist nicht mehr sinnvoll. Daher beginnt der Bau eines neuen Wohnhauses, das im folgenden Jahr fertig gestellt ist. Es entsteht ein schmuckes Fachwerkhaus, das nach einer stilgerechten Renovierung im Jahr 1999 noch heute von der Familie Lautenschlager bewohnt wird. |
|
1953 |
||
|
Beim Verarbeiten des Getreides entsteht eine schier unvorstellbare Menge an Staub. Ähnliches gilt für das regelmässig notwendige Schärfen der Mahlsteine. So nimmt es nicht Wunder, dass auch Emil Lautenschlager unter der typischen Berufskrankheit der Staublunge leidet. An den Folgen einer nicht auskurierten Lungenentzündung verstirbt er am 26. Januar. Emilie Lautenschlager mit ihren Töchtern verbleibt die Aufgabe, die begonnenen Umbauarbeiten an Mühlkanal und Mühle zu Ende zu bringen. |
|
1957 |
||
|
Aber spätestens mit dem Mühlenstilllegungsgesetz setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Mahlbetrieb nicht wirtschaftlich fortgeführt werden kann. Die neu angeschafften Maschinen werden verkauft. Mit den historischen Maschinen wird nur noch Futtermittel hergestellt.
So sieht es vom Fahrersitz von Lina Lautenschlager aus, die treuen Braunen haben es fast geschafft. Nur noch wenige Meter bis zum Stall, wir sehen rechts den Kastanienbaum der Lahrensmühle. |
|
Leonberger Wochenblatt 27.05.1966 |
|
|
Noch viel dörfliche Idylle sind in Eltingen anzutreffen, heute Stadtteil der Grossen Kreisstadt Leonberg und doch von starkem Eigenleben und kultureller Eigenständigkeit erfüllt. Gerade im Bereich zwischen Carl-Schmincke-Strasse und Glemsstrasse mit den diversen Querstrassen scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Noch durchfährt das Pferdegespann der Veitenmühle Lautenschlager die Strassen und versorgt die Bevölkerung mit Mehl, Eiern und Teigwaren. |
1967 |
|
|
endet allerdings die Zeit des Pferdefuhrwerks; die beiden Braunen erhalten ihr Gnadenbrot und ein VW Bus übernimmt ihre Arbeit – voll bepackt mit Waren für die Belieferung der Haushalte in Leonberg-Eltingen, Gartenstadt, Silberberg und Gebersheim. Nach einem ihrer früheren Besitzer war die Lahrensmühle lange Jahre unter dem Namen "Veitenmühle" bekannt. |
1999 |
|
|
Altershalber wird die Direkt-Belieferung aufgegeben und die Müllerinnen Lina und Irmgard Lautenschlager konzentrieren sich auf den Verkauf von Mehl, Eiern, Gebäck und Nudeln im Mühlenladen. |
Die Pferde haben den Weg ganz von selbst gefundenvon Anja Tröster (Stuttgarter Zeitung 07.01.2003) LEONBERG. Eier, Nudeln, Mehl - die wichtigsten Lebensmittel haben früher die Müller ausgefahren. Und den Klatsch gleich mit. Auch Lina Lautenschlager von der Lahrensmühle hat bis Kriegsende den Bauern das Mehl gebracht und später den Hausfrauen die Nudeln. |
|
|
Der Krieg brachte die Zäsur für die Lahrensmühle. Nicht nur politisch oder gar, weil etliche Bomben links und rechts der alten Gebäude niedergingen. Lina Lautenschlager kann sich noch genau daran erinnern, wo welche Soldaten in den Gräben sassen. Nein, der Krieg war auch der Wendepunkt im Geschäft der Müllerfamilie. Als er vorbei war, hat die Familie kaum noch gemahlen, sondern stellte auf den Kleinverkauf um. Mit Fanny, einem ehemaligen Wehrmachtspferd, das ein entlassener Soldat mitgebracht hatte, setzte Lina Lautenschlager ihren "Aussendienst", wie sie es verschmitzt nennt, fort. Allerdings brachte sie nicht mehr den Bauern ihr Mehl, sondern packte Brot, Kuchen, Eier und später auch Nudeln auf den Leiterwagen. So fuhr sie durch die Strassen von Eltingen und Leonberg, Rutesheim und bei gutem Wetter auch Warmbronn, machte die Hausfrauen mit einer Glocke auf sich aufmerksam und verkaufte vom Wagen herab. |
2008 |
|
|
|
Jubiläum: Vor 100 Jahren erwarb Emil Lautenschlager die Lahrensmühle. Und noch heute betreuen seine Töchter Lina (91) und Irmgard (82) den Mühlenladen – hoch betagt, doch mit viel Elan. Ein Familienbetrieb, der zum 100jährigen in zweiter Generation geleitet wird, dürfte Seltenheitswert besitzen.
Ehrenurkunde zum 100jährigen Bestehen, ausgestellt im Mai 2008 von der Handwerkskammer der Region Stuttgart. |
|
|
In der Lahrensmühle scheint die Zeit still zu stehenvon Arnold Einholz (Stuttgarter Zeitung 11.09.2008) LEONBERG. Wenn die zweite Generation eine 100-jährige Firma betreibt, dann ist das eine grosse Ausnahme. Doch die 91-jährige Lina Lautenschlager und ihre 82-jährige Schwester leben das auf der Eltinger Lahrensmühle vor. |
|
|
In der Lahrensmühle ist die Zeit stehengeblieben. Irgendwie läuft hier alles langsamer ab. Es scheint so, als ob die drei Moiren, die griechischen Schicksalsgöttinnen, Gefallen an dem verzauberten Tal an der Glems gefunden haben, das mittendrin und doch unberührt von der Hektik eines pulsierenenden schwäbischen Mittelzentrums liegt. Klotho die "Spinnerin", die den Lebensfaden spinnt, muss ihre beiden Schwestern, Lachesis die "Zuteilerin", die dessen Länge bemisst, und Atropos die "Unabwendbare", die den Lebensfaden abschneidet, davon überzeugt haben, die Idylle nicht zu stören. |






















