Startseite Mühlenladen 100 Jahre Familie Lautenschlager auf der Lahrensmühle

100 Jahre Familie Lautenschlager auf der Lahrensmühle

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1908

ersteigert Emil Lautenschlager die zur Zwangsversteigerung ausgeschriebene Lahrensmühle. Im Grundbuch steht eingetragen:

Neuer Eigentümer: Lautenschlager Emil, lediger Müller aus Flacht, jetzt Lahrensmüller hier. den 2. Mai 1908

Der Vorbesitzer, Albert Kühnle, hatte kurz zuvor sein erfolgloses Müllerdasein auf der Lahrensmühle in vergleichsweise spektakulärer Manier beendet:
Er verliess Frau und Kind sowie Haus und Hof, um nach Amerika auszuwandern.

Lautenschlager war einer der Söhne der Flachter Mühle, dort aber nicht zur Nachfolge ausersehen, sodass er sich nach einem anderen Erwerbsort umsehen musste. Er nimmt umgehend Besitz von seiner Neuerwerbung, zieht in die Lahrensmühle ein – gemeinsam mit seiner Schwester, die ihm für einige Jahre den Haushalt führt.

Nur kurz nach der Eigentumsübertragung wird der Mitgliedsschein zur Müllerei-Berufsgenossenschaft ausgestellt.



1911

Dank Fleiss und Tatkraft geht es voran an der Lahrensmühle. Der Gründung einer eigenen Familie steht  nun nichts mehr im Wege.

Die Geschwister Lautenschlager finden beide einen Lebenspartner, wobei Emil am 4. November 1911 Emilie Feyler heiratet, und seine Schwester sich acht Tage später am 11. November des gleichen Jahres  nach Stuttgart vermählt. 1912 stellt sich an der Lahrensmühle mit Tochter Gertrud der erste Nachwuchs ein. Vier weitere Mädchen folgen: Maria, Lina, Lore und Irmgard.



1922

Die Müllerei betreibt Emil Lautenschlager mit Elan. Aber es gibt immer wieder Schwierigkeiten mit der ausreichenden Wasserversorgung. So ist vom 4. Januar die Abschrift eines Protokolls erhalten, das sich mit den Folgen des Wasserentzugs befasst.

So war aus der Erkenntnis heraus, dass mit der Wasserkraft allein kein kontinuierlicher Mahlbetrieb möglich ist, die Anschaffung eines Elektromotors die logische Folge. Dieser wurde eingeschaltet, wenn sich das Mühlrad wegen Wassermangel der Glems nicht oder nur unzureichend drehte.



1924

Die Versammlung der Müllervereinigung des Bezirks Leonberg, aufgenommen am 17. Juli, lässt erahnen, dass die Müller noch ein einträgliches Geschäft betrieben. Schliesslich war die Landwirtschaft und damit der Getreideanbau in der hiesigen Region einer der wichtigsten Erwerbszweige.

Wir erkennen Emil Lautenschlager als den Dritten von links in der Reihe der vorn Sitzenden.



1932

Nur eine einzige Aufnahme ist uns aus früheren Zeiten erhalten, auf der das Innere der Lahrensmühle abgebildet ist. Wir sehen Emil Lautenschlager mit seinem langjährigen Gesellen Fritz Müller aus Eltingen. In der Mitte sind die ledernen Transmissionsriemen zu erkennen, mit denen die verschiedenen Maschinen angetrieben werden.

Nur wer einmal diese Technik in Aktion erlebt hat, kann sich eine Vorstellung vom Alltag des Müllers machen. Das war keine beschauliche Tätigkeit, sondern eine von Lärm und Staub geprägte Arbeit.

Die anfallenden Transporte erfolgten bei Müller Lautenschlager durch ein pferdebespanntes Fuhrwerk. Der Pferdeknecht holte Getreide, lieferte Mehl aus und versorgte die Tiere.



1939 - 1945

Auf Grund seines Alters muss Emil Lautenschlager nicht an die Front, und er bleibt auch vom Einsatz in der Volksfront verschont. Die Kriegsjahre übersteht die Lahrensmühle und ihre Bewohner unbeschadet. Lediglich in den allerletzten Kriegstagen verirren sich einige Artilleriegeschosse der einrückenden Franzosen ins Mühlenareal und hinterlassen geringfügige Schäden.



1947

Eine Renovierung des alten Wohnhauses neben der Mühle ist nicht mehr sinnvoll. Daher beginnt der Bau eines neuen Wohnhauses, das im folgenden Jahr fertig gestellt ist. Es entsteht ein schmuckes Fachwerkhaus, das nach einer stilgerechten Renovierung im Jahr 1999 noch heute von der Familie Lautenschlager bewohnt wird.



1953

Beim Verarbeiten des Getreides entsteht eine schier unvorstellbare Menge an Staub. Ähnliches gilt für das regelmässig notwendige Schärfen der Mahlsteine. So nimmt es nicht Wunder, dass auch Emil Lautenschlager unter der typischen Berufskrankheit der Staublunge leidet. An den Folgen einer nicht auskurierten Lungenentzündung verstirbt er am 26. Januar.

Emilie Lautenschlager mit ihren Töchtern verbleibt die Aufgabe, die begonnenen Umbauarbeiten an Mühlkanal und Mühle zu Ende zu bringen.



1957

Aber spätestens mit dem Mühlenstilllegungsgesetz setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Mahlbetrieb nicht wirtschaftlich fortgeführt werden kann. Die neu angeschafften Maschinen werden verkauft. Mit den historischen Maschinen wird nur noch Futtermittel hergestellt.

Die Mühle fällt in einen mehr als 40 Jahre währenden Schlaf, wobei das Mühlengebäude noch als Lagerraum für Mehl dient, denn der Mehlhandel wird nun zum Erwerbszweig. Vielen alteingesessenen Eltinger und Leonberger Einwohnern ist das Pferdegespann mit Lina Lautenschlager am Zügel noch in Erinnerung.

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So sieht es vom Fahrersitz von Lina Lautenschlager aus, die treuen Braunen haben es fast geschafft. Nur noch wenige Meter bis zum Stall, wir sehen rechts den Kastanienbaum der Lahrensmühle.



Leonberger Wochenblatt 27.05.1966

Noch viel dörfliche Idylle sind in Eltingen anzutreffen, heute Stadtteil der Grossen Kreisstadt Leonberg und doch von starkem Eigenleben und kultureller Eigenständigkeit erfüllt. Gerade im Bereich zwischen Carl-Schmincke-Strasse und Glemsstrasse mit den diversen Querstrassen scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Noch durchfährt das Pferdegespann der Veitenmühle Lautenschlager die Strassen und versorgt die Bevölkerung mit Mehl, Eiern und Teigwaren.



1967

endet allerdings die Zeit des Pferdefuhrwerks; die beiden Braunen erhalten ihr Gnadenbrot und ein VW Bus übernimmt ihre Arbeit – voll bepackt mit Waren für die Belieferung der Haushalte in Leonberg-Eltingen, Gartenstadt, Silberberg und Gebersheim. Nach einem ihrer früheren Besitzer war die Lahrensmühle lange Jahre unter dem Namen "Veitenmühle" bekannt.

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Der hier sichtbare Nachfolger ebenfalls mit geteilter Windschutzscheibe musste ohne Beschriftung auskommen.



1999

Altershalber wird die Direkt-Belieferung aufgegeben und die Müllerinnen Lina und Irmgard Lautenschlager konzentrieren sich auf den Verkauf von Mehl, Eiern, Gebäck und Nudeln im Mühlenladen.




Die Pferde haben den Weg ganz von selbst gefunden

von Anja Tröster (Stuttgarter Zeitung 07.01.2003)

LEONBERG. Eier, Nudeln, Mehl - die wichtigsten Lebensmittel haben früher die Müller ausgefahren. Und den Klatsch gleich mit. Auch Lina Lautenschlager von der Lahrensmühle hat bis Kriegsende den Bauern das Mehl gebracht und später den Hausfrauen die Nudeln.

Der Krieg brachte die Zäsur für die Lahrensmühle. Nicht nur politisch oder gar, weil etliche Bomben links und rechts der alten Gebäude niedergingen. Lina Lautenschlager kann sich noch genau daran erinnern, wo welche Soldaten in den Gräben sassen. Nein, der Krieg war auch der Wendepunkt im Geschäft der Müllerfamilie. Als er vorbei war, hat die Familie kaum noch gemahlen, sondern stellte auf den Kleinverkauf um. Mit Fanny, einem ehemaligen Wehrmachtspferd, das ein entlassener Soldat mitgebracht hatte, setzte Lina Lautenschlager ihren "Aussendienst", wie sie es verschmitzt nennt, fort. Allerdings brachte sie nicht mehr den Bauern ihr Mehl, sondern packte Brot, Kuchen, Eier und später auch Nudeln auf den Leiterwagen. So fuhr sie durch die Strassen von Eltingen und Leonberg, Rutesheim und bei gutem Wetter auch Warmbronn, machte die Hausfrauen mit einer Glocke auf sich aufmerksam und verkaufte vom Wagen herab.

Die Stammkundschaft war gross, nicht nur, weil es damals weniger Supermärkte und vor allem weniger Autos gegeben hat. Vielleicht nicht zuletzt, weil man so viel schneller die Neuigkeiten aus den umliegenden Dörfern erfuhr. Niemand war so auf dem Laufenden wie die Eierfrauen. Die Kinder indes schätzten vor allem die Pferde: Auf den Mehlsäcken bis zum nächsten Halt mitzufahren war für die meisten ein besonderes Erlebnis. "Es kommen heute noch Leute ins Mühlenlädle und erzählen mir davon", lächelt Lina Lautenschlager. "Die meisten haben inzwischen selbst Kinder."

Jeden Tag ist die heute 85-jährige auf Tour gewesen, bei jedem Wetter, bis vor zwei Jahren. Im Winter war das kein Zuckerschlecken. Um nicht völlig durchzufrieren, sei man dann oft neben dem Gespann her gelaufen, sagt die jüngere Schwester Irmgard. Oder man habe ein Schnäpsle bei einem der Kunden bekommen, fügt die ältere Schwester hinzu: Die Pferde hätten den Weg schliesslich schon von selbst gekannt. Um genau zu sein: die Pferde schrieben ihn manchmal wohl sogar vor. Fanny, das alte Militärpferd, tat immerhin 22 Jahre am Stück Dienst. An manchen Kreuzungen setzte sie, das grössere der beiden Pferde, deshalb ihren Kopf und ihre Richtung durch, ob nun ein Auto entgegenkam oder nicht.

Einmal ist das Gespann bei dichtem Schneetreiben am Hinteren Ehrenberg sogar die Böschung eines Feldweges hinuntergestürzt. Der Wagen überschlug sich, die Pferde mit. Ein Eltinger Bauer half den beiden Frauen, ihr Gespann zu versorgen. Zum Glück war den Tieren nichts passiert.

1967 schliesslich, als Fanny starb, stiegen die Lautenschlager-Schwestern auf einen VW-Bus um. Die Hausfrauen freuten sich noch immer über frische Eier. Nur die Kinder bekamen keine glänzenden Augen mehr, wenn die Schwestern in die Strasse bogen und mit der Glocke die Nachbarschaft zusammentrommelten.



2008

Jubiläum: Vor 100 Jahren erwarb Emil Lautenschlager die Lahrensmühle. Und noch heute betreuen seine Töchter Lina (91) und Irmgard (82) den Mühlenladen – hoch betagt, doch mit viel Elan.

Ein Familienbetrieb, der zum 100jährigen in zweiter Generation geleitet wird, dürfte Seltenheitswert besitzen.

Ehrenurkunde zum 100jährigen Bestehen, ausgestellt im Mai 2008 von der Handwerkskammer der Region Stuttgart.



In der Lahrensmühle scheint die Zeit still zu stehen

von Arnold Einholz (Stuttgarter Zeitung 11.09.2008)

LEONBERG. Wenn die zweite Generation eine 100-jährige Firma betreibt, dann ist das eine grosse Ausnahme. Doch die 91-jährige Lina Lautenschlager und ihre 82-jährige Schwester leben das auf der Eltinger Lahrensmühle vor.

In der Lahrensmühle ist die Zeit stehengeblieben. Irgendwie läuft hier alles langsamer ab. Es scheint so, als ob die drei Moiren, die griechischen Schicksalsgöttinnen, Gefallen an dem verzauberten Tal an der Glems gefunden haben, das mittendrin und doch unberührt von der Hektik eines pulsierenenden schwäbischen Mittelzentrums liegt. Klotho die "Spinnerin", die den Lebensfaden spinnt, muss ihre beiden Schwestern, Lachesis die "Zuteilerin", die dessen Länge bemisst, und Atropos die "Unabwendbare", die den Lebensfaden abschneidet, davon überzeugt haben, die Idylle nicht zu stören.

Gänse schnattern auf dem Hof, während die Hühner in respektvollem Abstand gackern und im Sand scharren. Die Katze räkelt sich in der Sonne unter der riesigen Kastanie, die schon vor Jahrzehnten hätte gefällt werden sollen. Bedächtig, jedoch zielstrebig, schaffen Lina und Irmgard Lautenschlager in dem Mühlenladen. Für die Stammkundschaft gibt es hier ein reichhaltiges Angebot an Mehlsorten und Teigwaren, dazu frische Eier, alles aus der Region. Die grossen Mühlenräder stehen schon lange still.

Albert Kühnle, der ehemalige Besitzer der Lahrensmühle hat 1908 sein erfolgloses Müllerdasein spektakulär beendet: bei Nacht und Nebel verliess er Frau und Kind, Haus und Hof, um sich nach Amerika abzusetzen. Daraufhin hat Emil Lautenschlager die Mühle ersteigert, die seit 1350 urkundlich erwähnt wird. Er war eines der acht Kinder des Flachter Müllers, aber weil er nicht der Erstgeborene war, nicht als Nachfolger ausersehen. Gemeinsam mit seiner Schwester, die ihm für einige Jahre den Haushalt führte, ist er nach Eltingen an der Glems gezogen.  

Mit der Lahrensmühle, auch Veitenmühle genannt, geht es nun voran. Emil Lautenschlager heiratet am 4. November 1911 Emilie Feyler. Im Jahr 1912 wird Tochter Gertrud geboren. Es folgen vier weitere Töchter: Maria, Lina, Lore und Irmgard. Gertrud ist als einzige verstorben. In seinem Fünfmädchenhaus hat es der Müller nicht leicht, denn die quirlige Schar hat ein gehöriges Durchsetzungsvermögen. So haben sie lauthals verhindert, dass er die junge Kastanie fällt, die im Hof die Pferdewagen mit Getreide und Mehl dazu zwang, einen Bogen zu fahren. Nirgends lasse es sich so schön spielen wie in seinem Schatten betteln die Mädchen. Auch Vetter Ernst, der bei den Müllersleuten lebt, seit sein Vater im Ersten Weltkrieg gefallen war, will seinen Kletterbaum behalten. "Der Hof ohne unseren grossen Kastanienbaum wär richtig öde", meinen heute Lina und Irmgard Lautenschlager. Vetter Ernst Lautenschlager ist übrigens nicht Müller, sondern Rennfahrer geworden. Der 95-jährige lebt heute in Stuttgart.

Im Jahr 1922 muss der Müller einsehen, dass sich mit der Wasserkraft der Glems allein nicht Staat machen lässt - ein Elektromotor wird angeschafft. Richtig froh, dass er nur Töchter hat, sei der Vater gewesen, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, erinnern sich die beiden betagten Damen. Die jungen Frauen packen nun kräftig in der Mühle mit an. Geholfen hat dabei "unser Pierre", wie sich die beiden an den fleissigen und stolzen Mann aus der Normandie erinnern, der als Kriegsgefangener in der Mühle gearbeitet hat. An seiner Kammer habe es zwar zwei Schlösser gegeben, doch die seien nie abgeschlossen gewesen. Das sei die einzige Bedingung gewesen, die Pierre gestellt hatte, und die habe man respektiert. Wenn eine Kontrolle kam, hat sich eines der Mädchen hinausgeschlichen und die Riegel vorgeschoben. Das hat Pierre den Lautenschlagermädchen im April 1945 gedankt. Als die ersten französischen Truppen von Gebersheim kommend, plündernd und vergewaltigend in die Stadt einzogen, hat er sie vorbeigewinkt. "Uns ist viel erspart geblieben", sind sich Lina und Irmgard Lautenschlager heute noch sicher.

Der Getreidestaub und der Staub vom Schärfen der Mahlsteine haben bei Emil Lautenschlager eine Staublunge verursacht. 1953 stirbt er an einer Lungenentzündung. Die Töchter müssen nun den begonnenen Umbau der Mühle schultern, doch das "Mühlenstilllegungsgesetz" von 1957 bedeutet das Aus für die kleine Mühle. Die neuen Maschinen werden verkauft, mit den historischen Geräten wird noch eine Weile Futtermittel hergestellt.

Lina und Irmgard Lautenschlager steigen in den Mehlhandel ein, die Mühle dient dabei als grosses Mehllager. Mit dem Pferdewagen ist Lina Lautenschlager bis 1967 in Leonberg und Umgebung unterwegs, dann bekommen die beiden Braunen das Gnadenbrot und die Schwestern schaffen sich einen Kleinbus an. Bis im Januar 2000 fahren sie mit ihren Erzeugnissen direkt zur Kundschaft, jetzt sind die beiden Müllerstöchter nur noch in ihrem Laden anzutreffen.