"Internationaler Tag des offenen Denkmals" 1999

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Sonntag - 19. September


Den Alltag eines Müllers erkunden

von Christine Bilger (Leonberger Kreiszeitung 17.09.1999)

LEONBERG - Die Lahrensmühle entdeckt man erst, wenn man unmittelbar vor dem altehrwürdigen Bauwerk steht. Fast scheint es, als verbirgt sie sich im Glemstal vor den Menschen, die nur wenige Meter entfernt vorbeifahren.

Am Sonntag lädt die Besitzerfamilie zum "Tag des offenen Denkmals" in die Mühle ein. Die Besitzer der Mühle, die auch als "Veitenmühle" bekannt ist, wollen aufmerksam machen auf das denkmalgeschützte Gebäude, das im Landschaftsschutzgebiet "Oberes Glemstal" liegt.

Eine "stille Ecke, fernab von der Welt Gewühle" fand der Warmbronner Heimatdichter Christian Wagner zu Beginn des Jahrhunderts vor. Am 3. Januar 1900 besuchte er die Mühle im Glemstal und beschrieb die idyllische Szene, die sich ihm bot, im Gedicht "Veitenmühle". Bereits Christian Wagner fiel auf, dass im Glemstal die Zeit still zu stehen scheint. Fast einhundert Jahre später hat das Bauwerk auf den Betrachter noch eine ähnliche Wirkung. Die Mühle im Glemstal ist die einzige von vier Eltinger Mühlen, die es noch gibt. Zum ersten Mal wurde sie im 14. Jahrhundert als "Muly uff altem Kirchhofe" erwähnt. Sie gehörte zum Kloster Hirsau. Über die Jahre hat sie häufig ihren Namen gewechselt, meist nach dem Besitzer. Lahrensmühle heißt sie nach Hans Laurin, die die Mühle im Jahre 1523 übernahm. Den Namen "Veitenmühle" erhielt sie von Veit Wankmüller, der den Betrieb 1704 übernahm.

Die Besitzerfamilie will das Denkmal im Landschaftsschutzgebiet wieder zu neuem Leben erwecken. "Die Mühle war immer ein unverzichtbarer Bestandteil der Stadt. Mit einer subtilen Nutzung wollen wir sie wieder ins Bewusstsein der Menschen zurückbringen", haben sich die Besitzer vorgenommen. Die Restaurierungsarbeiten sind in vollem Gange. Das neue Innenleben ist mit dem Landesdenkmalamt abgestimmt. Im Dachgeschoss entsteht eine Wohnung, der eigentliche Arbeitsraum im Erdgeschoss soll im möglichst ursprünglichen Zustand erhalten bleiben. Später soll die Mühle vielleicht Raum für Kleinkunst bieten...



Die Lahrensmühle präsentiert einen Bauabschnitt der Restaurierung

Zum Tag des offenen Denkmals wurde in der Lahrensmühle ein Bauabschnitt der stilvollen Restaurierung gezeigt und den Besuchern der Charme alter Mühlentechnik im malerischen Glemstal vermittelt. Führungen brachten den Besuchern Geschichte, Restaurierung und Funktion der Mühle nahe.

Zur Information standen für die zahlreichen Interessierten bereit: Frau Christa Strecker (Denkmalbehörde), Herr Ralf Spicker (Gesellschaft beratender Technik-Historiker), Herr Peter Schell (Planung) und Herr Jürgen Ziegler (Restaurator).



Jahrhundertealte Technik fasziniert die Besucher

von Hendrik Krusch (Leonberger Kreiszeitung 21.09.1999)

LEONBERG - Es klappert zwar noch, aber der rauschende Bach ist längst verschwunden. Die Elektrizität hat den Glemskanal ersetzt. Am Sonntag konnten Besucher in der Eltinger Lahrensmühle im Glemstal ein Stück Stadtgeschichte erleben.

Mit einer Woche Verspätung fand am Sonntag in der Lahrensmühle der europaweite "Tag des offenen Denkmals" statt. Die Besitzerfamilie öffnete die Pforten des ehemaligen Mühlengebäudes, das derzeit umgebaut wird. Das Mühlenanwesen zwischen Streuobstwiesen und dem Landschaftsschutzgebiet "Oberes Glemstal" steht grösstenteils unter Denkmalschutz und weist interessante Spuren der Geschichte auf.

Hunderte wollten am Sonntag zwischen 11 und 15 Uhr dieses Kleinod am Rande der Stadt besichtigen. Um Untergeschoss des Mühlengebäudes befinden sich noch immer die alten Maschinen, die die Mahlsteine in Bewegung setzen. Zu Vorführungszwecken taten sie das auch an diesem Tag: "Klingelingelingeling" schallte es durch das Fachwerkgebäude. Ein Ruckeln und Zuckeln erschütterte den Boden und das Gemäuer, und langsam drehten sich die Wellen, die über Transmissionsriemen die Mahlwerke antreiben. Im Kellergeschoss wurde das heute elektrisch, früher mit Wasser angetriebene Antriebssystem angeworfen, das immer noch funktioniert. "Diese Mahlwerke sind ein kulturhistorisches Dokument, die gehören zur Familie und zu Leonberg. Die bleiben erhalten", sagte der Besitzer, dessen Familie in der vierten Generation im Anwesen lebt. Auf das Klingelsignal bediente er die Maschine.

Besucher jeglichen Alters waren fasziniert von der alten Technik, mit der aus Korn Mehl gewonnen wurde. Der Technik-Historiker Ralf Spicker erläuterte die verschiedenen Arbeitsschritte und die technischen Einrichtungen: "Hier laufen zwei Metallwalzen. Sie hatten eine unterschiedliche Geschwindigkeit, weil sonst das Korn nur zerdrückt worden wäre." Diese Technik sei gegen 1870 in Württemberg eingeführt worden, denn die alten Mahlsteine konnten das Korn nicht so fein mahlen, wie es für “feines Backwerk” benötigt wurde.

Im Obergeschoss konnten die Besucher Einblicke in das Fachwerkgebälk des Gebäudes aus dem 16. Jahrhundert erhalten. Architekt Peter Schell und verschiedene Zimmerleute antworteten auf die vielen Fragen, die ihnen die Besucher stellten... Christa Strecker von der unteren Denkmalsbehörde bei der Stadtverwaltung beantwortete ebenfalls eine Menge Fragen und schwärmte von dem Stück unberührter Natur hinter der Mühle. "Ich könnte mir durchaus Führungen durch die Mühle in der Reihe ‘Kennen Sie Leonberg?’ vorstellen", sagte sie. Auch die Besitzerfamilie ist solchen Projekten aufgeschlossen. Lesungen und Kleinkunst im renovierten Mühlengebäude können sie sich vorstellen.

Grosse Informationstafeln zeigten alte Ansichten, Karten und Skizzen zur Mühlengeschichte und -technik. Ein weiteres Anliegen war der Besitzerfamilie die Sensibilisierung der Besucher für eine neue Bedrohung dieser "Mühlenidylle im Glemstal". Die Verkehrsplanung schlägt in unmittelbarer Nähe zwei Verkehrsadern vor. "Was hier für den Erhalt getan wird, wird auch für die Stadt Leonberg getan, denn ich kann nichts mit in die Kiste nehmen. Ich will nur für einen behutsamen Umgang mit Denkmälern hinsichtlich solch kühner Verkehrsplanungen sensibilisieren", begründet der Besitzer sein Engagement für den Erhalt der Mühle.