"Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2001

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Samstag - 2. Juni


Unterhaltung an einem geschichtsträchtigen Ort

Im Jahre 1818 wird Gertrude Pfeifflin auf dem Calwer Marktplatz wegen Raubmordes öffentlich hingerichtet. Ein Geschehen, das Dieter Huthmacher dazu inspiriert hat, die Umstände des Mordes in oft schnippischen Balladen recht obenhin zu erzählen. Man würde wenig Anteil am Schicksal der Raubmörderin nehmen, würde nicht Barbara Schmidtke als Schauspielerin in der Rolle der Gertrude die andere Seite der Geschichte verinnerlichen... Das Geschehen nimmt überraschende Wendungen und fesselt bis zum Schluss.

Veranstalter Leonberg



Betrachtung über den Menschen

von Franziska Kleiner (Leonberger Kreiszeitung 05.06.2001)

LEONBERG - Zwei unterschiedliche Veranstaltungen in der Lahrensmühle, inhaltlich eng miteinander verknüpft: Am Samstagabend liessen Barbara Schmidtke und Dieter Huthmacher die Geschichte der Raubmörderin Gertrude Pfeifflin zwischen den Skulpturen des Bildhauers Matthias Eder aufleben.

Ist sie Täter oder Opfer? Eindeutig mochte das nach 90 Minuten keiner der Zuschauer beantworten, nachdem Barbara Schmidtke und Dieter Huthmacher vom Leben der verarmten Gertrude in Reimversen erzählt hatten. Dabei wurde die Geschichte nicht nur berichtet Schmidtke, selbst Regisseurin war ganz in die Rolle der Pfeifflin geschlüpft und lachte, weinte und tanzte durch die Zuschauerreihen. Dabei verkörperte sie eindrucksvoll die junge Frau zwischen Selbstzweifel und Trotz, die 1818 auf dem Calwer Marktplatz wegen Raubmordes öffentlich hingerichtet wurde: Sie hatte die "Blocherin" umgebracht, der sie sich angeschlossen hatte, um von ihr das Handeln zu lernen. Doch Ann-Maria Blocher triezte das Mädchen aus ärmsten Verhältnissen, brachte es um Nahrung und Lohn, beschimpfte es gar als Hure.

Von Selbstzweifel und Trotz getrieben, ist Schmidtke, wie sie ärmlich gekleidet und barfuss vor den Zuschauern steht, die verängstigte Gertrude, die auf Gnade hofft: "Es ist vorbei, es ist gesühnt", singt Huthmacher. Der ist mal unbeteiligter Beobachter, wenn er die Geschichte voran treibt, dann Verteidiger von Gertrudes Handeln: "Du bist nicht schuld, im Gegenteil, sie fiel nur unglücklich ins Beil." Er vertritt aber auch die Bevölkerung, die der öffentlichen Hinrichtung entgegenfiebert: "Lustig wird der letzte Tanz, die Stadt erstrahlt im Lichterglanz."

Die leisen Töne schlägt Huthmacher selten an, er unterstreicht lieber mit seinen fröhlichen Liedern, flotten Rhythmen, den bitterbösen, ironischen, bisweilen sarkastischen Text: "Kommt herbei ihr Geniesser! Lass den Kopf nicht hängen Gertrud, wenn er fällt, wird alles gut!" War sie nun wirklich schuld? War sie diejenige, die sie nach aussen vorgab, zu sein?


Samstag / Sonntag / Montag - 2./3./4. Juni


Facetten des menschlichen Körpers

Der Leonberger Bildhauer Matthias Eder, Absolvent der Kunstakademie Stuttgart, zeigt im Rahmen einer Ausstellung in der Lahrensmühle Plastiken und Skulpturen aus Bronze und Stein. Die aufgeschlossene, lebendige Art Eders, seine Kunst zu erklären, schafft einen ungewohnt leichten Zugang zu den Objekten.



Die Skulpturen sind Eders Gedanken über Menschen

(Fortsetzung des Artikels von Franziska Kleiner)

Nicht in der Intensität von Schmidtke und Huthmacher, doch ebenso gedankenvoll nimmt sich Matthias Eder in den Brunnenskulpturen des Menschen an. Die Vollplastik “Erste Zweite Dritte” ist zwar gegenständlicher, erregt aber weniger Aufmerksamkeit als die Platten, die Eder “Paar” genannt hat. Sie haben sich im Laufe seines Schaffens aus der halb geöffneten Plastik entwickelt, die ebenfalls zu sehen war.

Mit den Platten hat der Leonberger Künstler Brust, Bauch und Unterleib in das Zentrum gerückt: Auf den ersten Blick alle gleich, bergen die Arbeiten beim näheren Hinsehen aber ebenso viel Individualität in sich, wie sie der Mensch selbst verkörpern kann. Kein Bauch, kein Busen ist dem andern gleich oder auch nur ähnlich geformt. Dabei sind die Plastiken nicht nur Abbild der Wirklichkeit. Sie sind Eders Gedanken über den Menschen, der sich nach außen anders gibt, als er es im Innersten ist: Der Körper als Hülle, als Barriere...


Montag - 4. Juni

Literatur am Originalschauplatz erleben

Der "ländliche Dichter Schwabens", Christian Wagner, geboren 1835, muss als Sohn einer Bauersfamilie häufig Korn in die Eltinger Lahrensmühle zum Mahlen bringen. Die Mühle hat wohl seine Gedanken beflügelt, denn er verfasste zahlreiche Gedichte und Prosatexte über die Lahrensmühle und ihre Umgebung. Unter dem Titel “Aus der Heimat” las Oliver Mannel Prosatexte und Gedichte, begleitet von Andrea Klingler, Gitarre.

Veranstalter Warmbronn



Nüchtern zieht der Dichter die Bilanz seines Lebens

von Franziska Kleiner (Leonberger Kreiszeitung 06.06.2001)

LEONBERG - Christian Wagner lässt sein Leben Revue passieren. Bisweilen sachlich trocken, amüsiert er den Zuhörer unerwartet mit humorvollen, bisweilen doch ironischen Bemerkungen über seine Erlebnisse.

Viele Gäste waren in die Lahrensmühle gekommen, um den Erinnerungen des Dichters zu lauschen: Oliver Mannel las am Pfingstmontag "Aus meinem Leben", der Autobiografie des "Bauern und Dichters zu Warmbronn".

Mannel, der an der Staatlichen Musikhochschule Sprechen und Sprecherziehung studierte, wusste mit sachlicher, ruhiger Aussprache alle Aufmerksamkeit auf die Texte zu lenken. Keine Mimik oder Gestik störte die schlichten Worte, die der Dichter für seine Erzählung gewählt hatte.

So schilderte Christian Wagner zur Erheiterung der Zuhörer, wie er zu seiner Frau kam. Er war zu einer Hochzeit geladen, als sich ein Mädchen neben ihn setzte: "... scherzten wir miteinander, die Nebensitzenden machten mit und erklärten uns für passend zueinander, das Mädchen selbst machte Ernst, denn sie wollte heiraten und ich willigte ein." Doch am nächsten Morgen erschien es ihm eine "schreckliche Unbesonnenheit, mich so geschwind Hals über Kopf versprochen zu haben". Wagner heiratete, weil es ihm "höchst unehrenhaft" erschien, ein gegebenes Versprechen zu lösen. Dabei "war sie nicht schön, die Erwählte ... jedoch auch nicht hässlich."

Wirkt Wagner hier noch heiter und ausgelassen, wird er später nachdenklich, wenn er erzählt, wie seine vielen Kinder aus dieser Ehe früh sterben. Deshalb ist die Freude dann auch nur still. Christian Wagner wirkt in sich gekehrt und ernst, wenn er über seine zweite Ehe schreibt: "Mein jahrelang gehegter Wunsch, Kinder behalten zu dürfen, wurde nun erfüllt."

Dabei lässt Wagner in seiner Autobiografie nicht nur an seinem Leben teilhaben, bewertet er doch ebenso die Erntemenge wie das Wetter eines Jahres: "Ich wundere mich noch heute, dass ich gesund dabei blieb", kommentiert er die Tatsache, dass das Einheizen im Winter 1870/71 nicht viel genutzt hatte und die Fenster zugefroren blieben.

Bis zum Jahr 1892 liess Mannel die Zuhörer am Leben des Warmbronners teilhaben. Am 17. Dezember schließt Wagner den zweiten Teil seiner insgesamt vierteiligen Erinnerungen ab. Wenig emotional und eher nüchtern war er darin auch auf seine poetischen Arbeiten wie "Märchenerzähler, Bramine und Seher" eingegangen.

Die Gitarristin Andrea Klingler umrahmte die Lesung Mannels unter anderem mit Werken von Roland Dyens, Antonio Lauro und Heitor Villa-Lobos. Sie unterbrach Christian Wagners Lebensbericht immer wieder für eine Musik und machte die Lesung so zu einer kurzweiligen Veranstaltung an historischer Stätte. Zu Beginn schon wurde Wagners Verbundenheit zur Lahrensmühle deutlich. In einem Gedicht über das Gebäude, das damals noch "Veitenmühle" hieß, schreibt er: "Nach der Mühle hingefahren war ich nach des Glemsbachs Tale / Wo genau vor zwanzig Jahren einst ich war zum letzten Male."
Der Dichter aus Warmbronn hat damals schon die Momente in der "stillen Ecke, fernab von der Welt Gewühle ..." genossen.