"Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2002

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Samstag - 18. Mai

"Bringe Unheil mir nicht, der du von Liebe mir sprichst"

Ein fesselnder Theaterabend mit Stefanie Kerker (Sprache, Gesang) und Stefan Bleich (Piano).

"Nein, leicht ist es nicht mit der Liebe. Dies ist aber beileibe keine neue Erkenntnis, das war auch vor Jahrhunderten nicht anders. Mit dem Sprechspiel "Bringe Unheil mir nicht, der du von Liebe mir sprichst" gelang es Stefanie Kerker mit denkbar einfachen Mitteln, die Zuhörer zu fesseln: Grosse griechische Gedichte werden auf spannende Art und Weise lebendig... Faszinierend, wie schnell und exakt die junge "Sprechspielerin" im Dialog mit sich selbst die Rollen tauscht, einmal als Vertreterin der weiblichen Seite, dann wieder den Typus des Männlichen darstellend ... (Backnanger Kreiszeitung 15.11.2000)
 
Veranstalter  Leonberg



Tragische Liebe zwischen den Mahlwerken

von Martin Reinkowski (Stuttgarter Zeitung 21.05.2002)

Stefanie Kerker brilliert mit ihrer Version vom Kampf um Troja in der Lahrensmühle

... Vor voll besetztem Saal unter den alten Mahlwerken der Mühle hat am Samstag die Schauspielerin Stefanie Kerker mit ihrem Sprechspiel das Wochenende eröffnet. “Bringe Unheil mir nicht, der du von Liebe mir sprichst” ist ihre eigene spannende Version der Ilias, des Kampfes um Troja. Sie schildert mit Gedichten, Liedern, Reden und Prosa neuzeitlicher Autoren die Geschichte der Liebe von Paris und Hellena, diese griechische Tragödie der schuldlos Schuldigen, die den trojanischen Krieg auslösen, an dessen Ende das griechische Heer die Stadt in Kleinasien dem Erdboden gleichmacht. Homer selber, der Verfasser der Ilias, kommt nicht zu Wort, dafür der Dichter Ovid, der sich zu Zeiten von Christi Geburt einen Briefwechsel zwischen den Liebenden ausgedacht hat.

Mit ihrer Mimik, ihrer ausgefeilten Sprechtechnik und ihrem Gesang liefert die 30-jährige Stefanie Kerker eine überzeugende Version der antiken Liebesgeschichte. Die eingeschobenen Lieder, zum Beispiel Friedrich Hollaenders “Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre”, durchbrechen den tragischen Rahmen. Ein Höhepunkt ist die Rede der Klytaimnestra an ihren Gatten Agamemnon, entnommen den “Ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen” von Christine Brückner. Klytaimnestra begründet darin ganz emanzipatorisch, warum sie Agamemnon und Kassandra tötet, die er nach zehnjährigem Krieg als Beute aus Troja mitgebracht hat. Warum muss er auch immer eine Sklavin mit nach Hause bringen? Und das, nachdem er ihre gemeinsame Tochter Iphigenie getötet hat, nur um die Götter milde zu stimmen und günstigen Wind zur Fahrt nach Troja zu erflehen ...


Sonntag / Montag - 19./20. Mai


3 Künstler stellten aus

Malerei

Friederike Just, geboren 1966 in Reutlingen, wandte sich nach abgeschlossenem Germanistik- und Sportstudium der Malerei zu. Nach einem weiteren Studium der Kunsterziehung an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart mit Schwerpunkt Malerei schuf die heute wieder in Reutlingen lebende Künstlerin Werke von eindringlicher Plastizität, dabei nicht selten in Dix'scher Weise karikierend.

Bildhauerei

Matthias Eder, geboren 1968 in Rheinfelden/Baden, lebt ausschließlich von seinem Kunstschaffen. Der gelernte Steinbildhauer-Meister hat sich nach seinem Studium an der Akademie für gestaltende Handwerke in Aachen und an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart seinem speziellen Thema verschrieben, den "Facetten des menschlichen Körpers". Unter Verwendung von Stein und Bronze zeigt Eder nicht nur die äußere Gestalt des Körpers, sondern vor allem das, was dahinter steckt.

Zeichnungen, Aquarelle, Texte

Giovanni Kohm, geboren 1942 in Duisburg, ist ein Multitalent. Zunächst von der Jazzmusik fasziniert, wendet sich Kohm Mitte der 60er-Jahre der Malerei zu, gründet in Italien eine Galerie und arbeitet dort im Kreise internationaler Künstler, schließt aber parallel dazu seine Ausbildung an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf ab. Bei zahlreichen internationalen Ausstellungen fasziniert der heute in Warmbronn lebende Künstler mit energiegeladenen Zeichnungen und Aqarellen von Tänzern. Seine Portraits ziehen den Betrachter als "Spiegel der Seele" in ihren Bann.



Körperliches aus dreierlei Perspektiven

von Susanne Müller-Baji (Leonberger Kreiszeitung 21.05.2002)

LEONBERG - Plakativ, poetisch und nuanciert: Im Rahmen der Veranstaltungsserie “Kulturpfingsten in der Lahrensmühle” zeigten die drei Künstler Friederike Just, Giovanni Kohm und Matthias Eder am Wochenende Körperlichkeiten aus dreierlei Perspektiven.

Gleiches Motiv – unterschiedliche Sichtweisen: Unterschiedlicher als bei der Ausstellung während der “Kulturpfingsten” in der Lahrensmühle könnte die Annäherung an das Thema des menschlichen Körpers nicht sein. Sehr sexy, bisweilen geradezu schmerzhaft intim wirken die plakativen Ölbilder von Friederike Just. Dabei gaben sich pausbäckige Putten und nackte Kaffee-Trinkerinnen ein Stelldichein. Gleich drei Schutzengel hatte die Künstlerin in Öl auf Leinwand gebannt. Da hingen sie nun zwischen dem Fachwerk der Scheune und schauten den Betrachter drall und irgendwie auch treudoof an. Die leuchtend roten Brustwarzen belegten, dass es sich um weibliche Schutzengel handeln musste und ließen so beim Betrachter ein unangenehmes Gefühl aufkommen. Gerade so, als wäre er in seinem Voyeurismus ertappt worden. Oder als wäre er Zeuge von etwas geworden, das er nie hätte sehen sollen.

Subtiler ging es da schon in den Arbeiten des Leonberger Plastikers Matthias Eder zu: Sehr minimalistisch und zurückhaltend stellt er die Nuancen dar, die die Geschlechter ausmachen. Er stellte in der Scheune Arbeiten aus den Werkzyklen “Paar” und “Begegnungen” aus. In seinen fast zweidimensional anmutenden Bronzen sind es kleinste Wölbungen, die die geschlechtsspezifischen Unterschiede andeuten: Mann und Frau, so lautet seine Aussage, ähneln sich trotz grundlegender Unterschiede.

Im Mühlengebäude selbst waren schließlich die grafischen, oft textbezogenen Arbeiten des Warmbronner Zeichners Giovanni Kohm ausgestellt. Die oft extremen Tänzerposen verrieten die jahrelange Zeichenpraxis Kohms, der bevorzugt Tänzer des Stuttgarter Ballets in Aktion abbildet. Interessant in seinem Werk ist die Verquickung von Grafik und Text. Oft verstärken die Zeichnungen die eingearbeiteten Gedichte von Friedrich Hölderlin, Hermann Hesse und Christian Wagner noch in ihrer Aussage, und umgekehrt ...


Montag - 20. Mai

Die Lahrensmühle zählte zu den Wirkungsstätten des Dichters Christian Wagner.
Aus Anlass des Deutschen Mühlentags präsentierte die Christian-Wagner-Gesellschaft Warmbronn:

"Lyrik der Träger des Christian-Wagner-Preises"

vorgetragen von Magdalena Bössen und Götz Schneyder von der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Für die Begleitung sorgten die Jazzmusiker Peter Lehel (Träger des Jazzpreises Baden-Württemberg), Saxophon, Mini Schulz, Bass, Markus Faller, Schlagzeug. Alle zwei Jahre vergibt die Christian-Wagner-Gesellschaft den genannten Lyrikpreis an deutsch-sprachige Schriftsteller.



Lyrik und Jazz wandeln auf Christian Wagners Spuren

von Susanne Müller-Baji (Leonberger Kreiszeitung 22.05.2002)

LEONBERG – Das Klappern der Mühlräder hat Lyriker inspiriert, vielleicht auch den armbronner Dichter Christian Wagner. Ganz sicher zeigte sich am Montag, am Deutschen Mühlentag, die enge Verbundenheit von Ort und Wort. Mit einer Lesung von Werken, die die Preisträger der Christian-Wagner-Gesellschaft verfasst haben, ging die Aktion “Kulturpfingsten” in der Lahrensmühle zu Ende.

Das Programm mit Lyrik und Jazzmusik ließ in gewissem Umfang Einblicke in die zeitgenössische Dichtung zu. Richard Leising, Tuvia Rübner, Johannes Kühn, Karl Mickel und Friederike Mayröcker sind die bisherigen Träger des von der Warmbronner Christian-Wagner-Gesellschaft ausgeschriebenen Preises, den im November der Lyriker Michael Donhauser in Empfang nimmt. Alle zwei Jahre wird der Preis an Schriftsteller vergeben, deren lyrisches Werk dem Geist und Schaffen Christian Wagners entspricht. Man wird unter den Trägern kaum reine Avantgardisen entdecken, sondern eher Meister der differenzierten Natur- und Menschenbeobachtung.

Das Pfingstprogramm jedenfalls war äußerst kurzweilig und gerade dort besonders informativ, wo sich die Preisträger gegenseitig “beschrieben” haben. So geschehen in Karl Mickels Gedicht “Wir (für Leising)”, in dem der Dichter kein Blatt vor den Mund nimmt: “Mundfaul, schreibfaul / bist Du, Richard”. Von Richard Leising kam unter anderem das vordergründig heitere Gedicht “Der Mensch lebt nicht vom Brot allein” zum Vortrag, das erst auf den zweiten Blick seinen Widerspruchsgeist offenbarte.

Der 1924 in Bratislava/Slowakei geborene Tuvia Rübner hingegen setzt sich in seinen Gedichten oft mit dem Holocaust auseinander, dem seine Familie zum Opfer fiel: “Ich bin davongekommen / ich stieg auf / ich wurde wiedergeboren / durchsichtig wie Rauch”. Heute ist er Dozent für vergleichende Literaturwissenschaft in Haifa und schreibt seit 1950 in Hebräisch.

Johannes Kühn dagegen demonstriert in Werk und Leben starke Verbundenheit mit dem Ort Hasdorf im Saarland, in dem er 1934 geboren wurde und bis heute lebt. Der Dichter kam erst verhältnismässig spät zu Ruhm, nachdem sich andere Autoren, wie Ludwig Harig, Reiner Kunze und Peter Rühmkorff für ihn eingesetzt hatten.

Vom bereits eingangs erwähnten Karl Mickel (1935 bis 2000) gibt es folgende Anekdote: Als ihm 1967 der Lessingpreis verliehen werden sollte, lehnte er ihn mit der Begründung ab, er übe einen ordentlichen Beruf aus und sei auf Stipendien nicht angewiesen. Den Christian-Wagner-Preis scheint er dann aber doch angenommen zu haben. Friederike Mayröcker schließlich, geboren 1924 in Wien, hat sich einen Namen als Naturlyrikerin gemacht, wie ihr Gedicht “an eine Mohnblume mitten in der Stadt” beweist. Sie arbeitete aber auch mit dem Avantgarde-Dichter Ernst Jandl bis zu dessen Tod zusammmen.

Magdalena Bössen und Götz Schneyder von der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart lasen mitreißend und führten so durch ein Programm, das durch heiße Rhythmen der Jazzmusiker Peter Lehel, Mini Schulz und Markus Faller abgerundet wurde.

Dass sich ausgerechnet eine Lyriklesung zu einem solchen Publikumsmagneten entwickeln würde, dass die Sitzplätze in er Lahrensmühle bei weitem nicht ausreichten, überraschte indes sogar die Organisatoren. Waren es die Gedichte, die die Menschenmassen angezogen hatten, die gekonnte Darbietung in idyllischer Umgebung oder die gute Musik? Wahrscheinlich ist: Es lockte alles auf einmal.