"Internationaler Tag des offenen Denkmals" 2002

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Samstag - 7. September


Fledermäuse im oberen Glemstal

"Batman" Christan Roeder, Fledermaus-Spezialist der NABU unternahm mit mit den Besuchern eine spannende Nacht-Exkursion in das obere Glemstal bei der Lahrensmühle - einem der Lebensräume von zahlreichen Fledermäusen. Die Zuhörer erfuhren mehr über Geschichte, Biologie und Lebensräume dieser fliegenden Säugetiere.


Sonntag - 8. September


Dendrochronologie

Aus den Jahresringen von Balken kann man das Baudatum eines Hauses ermitteln. Auch die Echtheit einer Stradivari-Geige oder eines Gemäldes lässt sich nachweisen. In einem anschaulichen Diavortrag führte Frau Dipl. agr. Biol. Jutta Hoffmann (Inhaberin des Jahrring-Labors in Nürtingen) in die Anwendungsgebiete einer stillen Wissenschaft ein.



Mühlen - erste industrielle Produktionsstätten

oder "Wie die Industriegesellschaft ihre Wurzeln frisst". In einem reich bebilderten Diavortrag zeichnete Frau Dr. Ingrid Helber (freiberufliche Autorin zu denkmalpflegerischen und landesgeschichtlichen Themen) die Entwicklung der Mühlen von den frühesten Anfängen bis in die Gegenwart auf.



"Das verschwundene Haus"

Histo-Detektivstory über ein Haus, das etwa 30 Jahre an der Lahrensmühle stand und dann
plötzlich in Schöckingen wieder auftauchte.

Bildvortrag von Frau Bernadette Gramm (Leiterin des Stadtarchivs Leonberg).



Als ein Haus der Lahrensmühle einfach verschwand

von Günter Scheinpflug (Leonberger Kreiszeitung 09.09.2002)

LEONBERG. Wie jüngste Nachforschungen ergeben haben, ist der Lahrensmühle nach 1805 ein Haus des historischen Ensembles abhanden gekommen. Wo es geblieben ist, könnten jetzt Stadtarchivare klären helfen.


Der Mann hält ein verblichenes Foto in seinen Händen. "Hier stand einmal das verschwundene Haus", sagt Thomas Lautenschlager. An dessen Stelle sei eine Notbedachung zu erkennen, ansonsten klafft eine Lücke sagt der Besitzer der Lahrensmühle in Leonberg-Eltingen, der endlich Licht in die dunkle Vergangenheit bringen möchte. Als Eigentümer nun schon in der dritten Generation hat die Besitzerfamilie das verständliche Interesse, die Historie näher zu erkunden. Die Leiterin des Leonberger Stadtarchivs, Bernadette Gramm, möchte dabei helfen. Sie machte zum Tag des offenen Denkmals unmissverständlich klar: "Das ist ein richtiger Geschichtskrimi."

In detektivischer Kleinarbeit hat die Geschichtsforscherin Quelle um Quelle bemüht und kommt zu dem Schluss, dass zwischen 1790 und 1805 ein zweistöckiges Wohnhaus existiert haben muss, das es heute nicht mehr gibt. Allem Anschein nach ist es 1805 in Richtung Ditzingen, in den heutigen Ortsteil Schöckingen, transportiert worden. "Es gab damals Kaufverträge, wonach komplette Fachwerkhäuser einfach abmontiert und anderswo wieder aufgebaut wurden", weiss der heutige Besitzer und Feierabendhistoriker. Fachwerkhäuser seien wie Bausätze behandelt worden. Das ist umso bedauerlicher, weil heute über den Verbleib des Hauses der 1350 erstmals erwähnten Lahrensmühle nichts überliefert ist.

Die Leonberger Archivarin indes hat herausgefunden, dass ein gewisser Georg Wankmüller, der einst der Besitzer der Mühle war, in finanzielle Schwierigkeiten geriet und 1801 die Hälfte der Mühle verkaufen musste. Als die Geldnot noch grösser wurde, fiel auch das zweistöckige Wohnhaus zwei Jahre später an einen Güterpfleger, der das Gebäude wiederum zwei Jahre danach an einen Strumpfstricker namens Friedrich Schäfer in Schöckingen veräusserte. Wankmüller wanderte 1803 in die heutige Ukraine aus, starb noch im selben Jahr, währenddessen sein ehemaliges Haus im Wert von 500 Gulden in der Nachbargemeinde Schöckingen wahrscheinlich wieder aufgebaut wurde.

Nach der Detailsuche von Bernadette Gramm ist eines immerhin erreicht: Der Mühlenbesitzer kann sich das verschwundene Haus vor seinem geistigen Auge vorstellen, wie er sagt. Die weiteren Erkundungen waren bisher allerdings von wenig Erfolg gekrönt, weil es in Schöckingen damals offenbar einige Zeitgenossen mit demselben Vor- und Nachnamen gegeben hat. “Möglicherweise steht das Haus aber noch”, sagt Bernadette Gramm, "die spannende Frage ist: wo." Für den heutigen Lahrensmüller gilt es, künftig das historische Ensemble zusammenzuhalten, "den Mikrokosmos dieses geschichtlich einmaligen Kulturdenkmals zu bewahren". Schliesslich soll die Lahrensmühle in ihrer Umgebung überdauern, als das, was sie typischerweise ist, wie Lautenschlager sagt: Als Mühle im schönen Wiesengrund.



Die ehemalige Wasseranlage der Lahrensmühle

"Wie die Lahrensmühle wieder zu einem Wasserrad kommen kann". Bildvortrag von Ralf Spicker (Technikhistoriker an der Universität Stuttgart).



Restaurierung der historischen Scheune der Lahrensmühle

Ein Zimmermann des Eltinger Zimmergeschäfts Ziegler zeigte traditionelle Handwerksmethoden sowie aufgetretene Schadensbilder an der historischen Mühlenscheuer, deren Restaurierung in diesem Jahr erfolgreich abgeschlossen werden konnte.



Naturschutz im oberen Glemstal

Der Landesverband “Obst, Garten und Landschaft” informierte über die ökologische Vielfalt der Streuobstwiesen. Der vor Ort frisch gepresste Saft aus naturreinen Äpfeln fand regen Zuspruch bei den Besuchern.

Zum Zeichen, dass der Standort an der Lahrensmühle nicht zu Gunsten von Straßenbauten aufgegeben werden darf, pflanzte die Fachwartvereinigung des Kreisverbands Böblingen der Obst- und Gartenbauvereine neue Bäume mit alten Obstsorten auf der Streuobstwiese der Lahrensmühle.


Dialog zweier Tierfreunde

Erst vor kurzem wurde ein Briefwechsel zwischen Christian Wagner und Magnus Schwantje, dem Initiator des Tierschutzes in Deutschland, aufgefunden. Magnus Schwantje gehört zu den Großen des entschiedenen Tierschutzes, des Vegetarismus und des Pazifismus. Die Gedanken dieses selbstlosen Mannes, die Sache, die er vertrat, sein nüchterner, klarer Stil, sein ganzes Tun im Alltag - alles war auf andere gerichtet, war unermüdliche Hilfsbereitschaft. Seine Schriften lassen die Größe seines Geistes erahnen. Der in den Warmbronner Schriften Nr. 11 erstmals veröffentlichte Briefwechsel zählt zu den wenigen tiefen Einblicken in sein Werk.

Vortragende: Karin Huber und Tobias Grauer von der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, Begleitung: Till Veeh an der Gitarre.

Veranstalter: Warmbronn




Die Sorge um die Tiere machte sie zu Freunden

von Vanessa Langner (Leonberger Kreiszeitung 10.09.2002)

LEONBERG – "Christian Wagner war beseelt von der Propaganda für seine Ideen, er wollte sein poetisches Talent zum Schutze der Tiere einbringen", erläuterte Jürgen Schweier zur Lesung aus Briefen zwischen dem Warmbronner Dichter und dem Tierschützer Magnus Schwantje.

In der Lahrensmühle hatten sich am Sonntag zum Tag des offenen Denkmals 35 Interessierte zusammengefunden, um mehr über den Schriftwechsel zwischen Wagner und Schwantje zu erfahren. Abwechselnd trugen Karin Huber und Tobias Grauer die Briefe und die von Wagner beigelegten Gedichte vor. Die beiden studieren Sprecherziehung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Sie belebten die für heutige Ohren etwas hölzerne Sprache gekonnt. Der Gitarrist Till Veeh ergänzte das literarische Programm mit Gitarrenmusik. Wendig ließ der Musikstudent seine Finger über die Saiten gleiten, variierte flexibel zwischen leisen und lauten Tönen, ebenso wie die Sprecher dies bei den Briefen und Gedichten taten.

Im Jahr 1902 schrieb der Warmbronner Christian Wagner zum ersten Mal an den Schriftleiter des Deutschen Tierschutz-Vereins. Magnus Schwantje sei zu der Zeit "Kopf und Herz" der deutschen Tierschutzbewegung gewesen, erfuhren die Zuhörer in den Einführungen von Verleger Schweier. In einem Brief hatte Wagner darum gebeten, drei seiner Gedichte in der Tierschutzzeitschrift zu veröffentlichen. Dieser Wunsch wurde dem Dichter nicht erfüllt, doch es entstand ein reger Briefwechsel zwischen den beiden Tierfreunden. Sie wurden zu Freunden, obwohl sie sich nur einmal in Warmbronn begegneten.

Der Schutz der Tiere war ihr gemeinsames Hauptanliegen. Beide waren Vegetarier, wobei Schwantje der strengere von beiden war: Wagner wies in Einladungen oder auf Reisen Fleischspeisen nicht zurück und wurde dafür von seinem Freund kritisiert. Andererseits musste dieser zugeben, dass er auf Reisen oft "viel Mühe hatte, sich Nahrung zu verschaffen". Seine konsequente Haltung begründete er: "Wenn ich gelegentlich Fleisch ässe, könnte ich nur wenig für die Ausbreitung des Vegetarismus wirken." Diese Unterschiede taten der Freundschaft der beiden jedoch keinen Abbruch. Die Briefe sind durchweg von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung geprägt.

Das zweite gemeinsame Anliegen von Wagner und Schwantje war der Kampf gegen die Jagd, die sie beide zutiefst verachteten. Wagner schreibt vom "erbarmungslosen Niederknallen" der Hirsche, Rehe, Schnepfen und anderer Tiere und fordert die Schonung alles Lebendigen. Der Tierschützer Schwantje prägte den Begriff "Ehrfurcht vor dem Leben" und machte es zum Schlagwort der von ihm begründeten "radikal ethischen Bewegung".