Startseite Veranstaltungen im Rückblick "Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2003

"Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2003

Drucken
Samstag - 7. Juni

"samtrot"  Wort und Klang

Andrea Funk (Sprache) Uli Lessin (Gong)

"Mein Liebster fuhr mit der Hand durch den Spalt und meine Herzgegend bebte ihm entgegen". Mit geschlossenen Augen rezitiert Andrea Funk zärtlich und behutsam diesen sinnlichen Vers aus dem Hohelied Salomons. Im Hintergrund ist ein sonorer, erdverbundener Gongton zu vernehmen, tief und dunkel, verschwommene Klänge, wie ein weit entferntes Glockengeläut.

Andrea Funk nutzt die Imaginationskraft der Stimme sowie ihre erfrischend extrovertierte Gestik und Mimik geniesserisch, um den vorgetragenen Reimen Leidenschaft, Verzweiflung und Sinnlichkeit - kurz gesagt Leben - einzuhauchen. Es bereitet einfach Freude, einer Künstlerin mit solchen Fähigkeiten andächtig zu lauschen, sich regelrecht bezirzen zu lassen. Im Konsens mit den Klangwelten asiatischer Gongs ist das eine ungewöhnliche Symbiose, die von den Zuhörern in vollen Zügen genossen wird.

Veranstalter  Leonberg



Verse voller Leidenschaft

von Guntram Zürn (Leonberger Kreiszeitung 10.06.2003)

LEONBERG - Eine sorgsam ausgewählte Folge sinnlicher Poeme rezitierte Andrea Funk am Samstagabend in der Lahrensmühle. Das Programm umfasste Orient und Okzident, beide kamen mit ihren bedeutendsten Dichtern und Mystikern zu Wort.

Die poetische Symbiose mit dem Schwerpunkt auf der Liebe tauchte Uli Lessin mit den Klängen seiner asiatischen Gongs in atmosphärische Dichte. Mit beiden Händen strich die Sprecherin sich über Gesicht und Körper, schloss die Augen und begann mit ihrem Vortrag. Sie erzeugte damit eine Rezitationsmaske, die sich nur ab und an durch geringes Neigen des Kopfes oder ihre spärliche Gestik belebte. Diese in sich geschlossene Haltung kontrastierte Andrea Funk mit ihrer keineswegs schwärmerischen, eher flüssig-natürlichen Art, vorzutragen. Sie arbeitete gekonnt mit Zäsuren und Betonungen, und doch lag die eigentliche Kunst in der ruhigen Ausstrahlung dieser Haltung. Sie belebte die Reime, und Uli Lessin unterstützte sie dabei aufs Beste. Er schien mit seinen Filzschlägeln sanft den Klang aus dem Metall seiner neun Gongs zu locken.

Das einnehmende Zusammenspiel lebte von den sinnlich-erotischen und leidenschaftlichen Versen. Zu Wort kam der bedeutendste Dichter der persischen Mystik, Maulana Dschelaleddin Rumi. Funk zitierte auch Gedichte des 922 in Bagdad für seine Glaubensüberzeugung hingerichteten Mystikers Huasin ibn Mansur al-Halladsch. Den Bogen in die Moderne schlug das Programm mit dem Erneuerer der türkischen Lyrik, Nazim Hikmet. Sein Werk ist vom Expressionismus und Dadaismus beeinflusst, und seine sozialen Dramen sprechen die deutliche Sprache eines Mitglieds der illegalen türkischen KP. Mit den westlichen Mystikern Mechthild von Magdeburg und Johannes vom Kreuz erzeugte das Duo eine eindrucksvolle Symbiose. Dabei waren die Verse weniger geistlich als vielmehr erotisch: "Mein Liebster fuhr mit der Hand durch den Spalt, und meine Herzgegend bebte ihm entgegen'', zitierte Andrea Funk aus dem Hohelied Salomos. Der Titel ihres Programms, "Samtrot'', fing dabei schön einige Facetten des von Wort und Klang erfüllten Abends ein. Samtrot wie die gleichnamige Weinrebe sind die Verse aus "Ich bin die Reb'' von Rumi: "Dein Gaumen ist wie Wein, der meinem Liebsten weich hinunterströmt.'' Aus Samt war auch das rote Kleid der Vortragenden, und nicht zuletzt sind auch die Lippen der Küssenden samtrot, etwa in Paul Flemings "Wie er wolle geküsset sein''...


Sonntag - 8. Juni

"Platero und Ich"

ist die Geschichte von den Streifzügen und Erlebnissen des Erzählers mit seinem kleinen Esel Platero durch die andalusische Landschaft rund um das Dorf Moguer. Dabei ist Platero für den Nobelpreisträger Jiménez weit mehr als ein Nutztier: "Du Platero, bist mir immer noch der liebste Alltagsfreund ... Die Frau ist etwas anderes, etwas Unvergleichliches, Du verstehst schon ..."

Ein literarisch-musikalisches Programm mit Oliver Mannel (Sprache) und Andrea Klingler (klassische Gitarre)

Veranstalter  Leonberg



Das Mondfunkeln im Brunnenschacht

von Stefan Bolz (Leonberger Kreiszeitung 10.06.2003)

LEONBERG – Mit der Sammlung "Platero und ich'' hat Juan Ramón Jiménez seiner andalusischen Heimat rund um das Dorf Moguer ein literarisches Denkmal gesetzt. So prägend war sein Einfluss, dass der Komponist Edouardo Sainz de la Maza die Geschichten von Platero zur Vorlage für eine Gitarrensuite wählte, die zu den bedeutendsten Werken der Gitarrenmusik zählt.

Am Pfingstsonntag nahmen der Sprecher Oliver Mannel und die Gitarristin Andrea Klingler ihre rund 40 Zuhörer in der Lahrensmühle mit auf eine literarisch-musikalische Reise unter den weiten Himmel Andalusiens. Der Ort war gut gewählt: Die verwitterten rotbraunen Balken der alten Mühle, das flirrende Sommerlicht vor den Fenstern und das Zwitschern der Vögel in der nahen Glemsaue passten so recht zu dem mediterranen Gefühl, welches Text und Musik zu vermitteln vermochten.

Die Geschichten von Platero, dem kleinen Esel, der den Ich-Erzähler durch allerlei Abenteuer trägt, verzaubern vor allem durch ihre Bildkraft. Quasi mühelos leben sie auf vor dem inneren Auge des Zuhörers, jene "Zigeunerbübchen in roten, blauen und grünen Lumpen'', der blau schimmernde See zwischen grünen Hügeln, die knorrigen Olivenbäume oder die verwitterten Steinmauern, zwischen denen der Erzähler und sein tierischer Freund ihre Tage verbringen. Es sind nicht die grossen Ereignisse, die Jiménez in seinen kurzen Prosagedichten beschreibt. Eher die kleinen Begebenheiten seiner dörflichen Jugend, an die sich der stets etwas melancholische Dichter noch nach Jahren gerne erinnerte. Eine trotz allem heitere Melancholie, die auch in Andrea Klinglers Gitarrenspiel mitschwang. Die Musik war an diesem Nachmittag nicht nur angenehmes Zwischenspiel
die Melodien ergänzten das gesprochene Wort und loteten die emotionale Tiefe von Jiménez' bildhafter Sprache zusätzlich aus.

Gebannt lauschten die Zuhörer so den Geschichten von der griechischen Landschildkröte, von Plateros aufregendem Kampf mit dem Echo, von langen Ritten durch schimmernde Hohlwege oder vom Mond, der in der Tiefe des Brunnenschachtes schimmert. Da fügte es sich auch trefflich, dass sich genau während der Geschichte von Plateros Tod eine Wolke vor die Sonne schob. Ein kurzer Moment der Dunkelheit, der aber gleich darauf wieder einem heiteren Sommernachmittag Platz machte.


Sonntag / Montag - 8./9. Juni


Objekte und Skulpturen

Gaby Pühmeyer
Von Hand aufgebaut aus grob schamottierten Ton zeigen ihre Arbeiten die Liebe zur Farbe und zu Malerei mittels Glasuren, Engoben und Farbkörpern. Sie wird unterstrichen durch die von Gaby Pühmeyer oft verwendete Raku-Technik, bei der die Stücke einzeln bei etwa 1000°C Grad aus dem Ofen geholt und in Sägemehl geräuchert werden. Dabei entwickeln die verwendeten Farbkörper und Glasuren eine besondere Leuchtkraft. Gleichzeitig durchlaufen die Objekte eine Art schnellen Alterungsprozess, der durch Risse und Brüche in der Oberfläche noch hervorgehoben wird.

Für die Künstlerin bedeutend bei der Raku-Technik wie auch beim Feldbrand, einer sehr archaischen Form des Brennens in einer Erdgrube, ist die zufällige Zeichnung der Objekte durch das Feuer. Die Motive für ihre Arbeiten entnimmt sie der Welt der Märchen, Mythen und Träume, wobei selbst entwickelte Motive wie auch Ornamente vergangener Kulturen eine wichtige Rolle spielen. Tiere versucht sie stets in der Form zu reduzieren, um so Symbole und Gefühle auszudrücken.

Henriette Lempp
Fledermausobjekte, Schattengewächse und Nachtgeschenke sind das Thema der Keramikerin. Die Fledermaus mit dem Material Ton zu erfassen stellt für die Künstlerin eine Herausforderung dar. Diese Tiere sind in der Nacht aktiv, sie haben bizarre Gesichter, faltige Füsse mit Krallen, aber auch papierene Flügel mit Fingerknochen.

Da im Schatten der Nacht die Farben verschwinden, arbeitet Henriette Lempp fast ausschliesslich mit Grauabstufungen, von tiefem Schwarz bis zu schimmerndem Weiss. Das erreicht sie durch Raku, eine spezielle Brenntechnik, bei der die Objekte aus dem heissen Ofen geholt und in Sägemehl reduziert werden. Neben der Fledermaus hält die Nacht noch viele andere Gewächse und “Geschenke” für uns bereit - nicht alle sind unangenehm und unheimlich, manche überraschen uns, einige sind vertraut. Immer aber erscheinen sie in der Nacht in einem anderen Licht als am helllichten Tag.



Fledermäuse und der Kreislauf des Lebens

von Günter Scheinpflug (Stuttgarter Zeitung 10.06.2003)

LEONBERG. Kultur und das Naturidyll des Leonberger Glemstals haben zahlreiche Besucher der Lahrensmühle an Pfingsten reichlich genossen. Der unverdrossene Denkmalschützer und Besitzer sieht sich bestätigt: "Ein harter Kern hält mir die Stange."

... Poetisch anmutend und zum dreitägigen Kulturprogramm passend stellten zwei Künstlerinnen ihre Objekte und Skulpturen in der Scheune des Anwesens aus. Eine nubische Prinzessin empfing den Besucher am Eingangstor. Sie hielt einen Fisch in der Hand, das Symbol für den Kreislauf des Lebens.

Mit scheinbar ungebrochenem Stolz thront sie da auf einem Tonstuhl, ihre nackte Brust und ihr einst gekröntes Haupt weisen beängstigende Spuren der Zerstörung auf. Magisch erscheinen die in einem Halbkreis auf dem Boden liegenden Fische, die wie viele der Tonarbeiten von Gaby Pühmeyer archaisch in einer Erdgrube gebrannt und mit Sägemehl geräuchert wurden. Die Fische, die durch ein teilweise 1000 Grad heißes Feuer gingen, weisen nach ihrer weiteren Behandlung Schmauchspuren, aber auch eine besondere Leuchtkraft vor.

Daneben hat es Gaby Pühmeyer als Symbolfigur auch der Schuhschnabel angetan, ein Vogel, der durch seinen spitzen Kopf Respekt einflößt. Neben allerlei Skulpturen und Tafelabbildungen des seltenen Tieres hat die Esslingerin auch verkäufliches Gebrauchsgut wie verzierte Keramiktöpfe zu bieten.

"Nachtgeschenke" wiederum hat die zweite Künstlerin, Henriette Lempp, auf Lager: faustgroße, kapselförmige Objekte, von denen etwa 400 wie Fledermäuse in einer Ecke der Scheune hängen. Die Tübingerin arbeitet teils mit Porzellan, teils mit Ton und pflegt den schwarzen Humor. Skurril sind ihre Knochen und Skelette, die in das Ambiente der 1350 erstmals urkundlich fixierten Mühle passen.



Montag - 9. Juni

"Du kennst den Mann nicht”

Man kann sie hier alle wiederfinden, die Sprachkünstler des lachenden Herzens mit dem scharfen Auge und die Komponisten des engagiert politischen Liedes oder auch des frivolen heiteren Chansons: Erich Kästner, Bertolt Brecht, Karl Kraus, Kurt Tucholsky und Ingeborg Bachmann sowie Kurt Weill, Hanns Eisler, Friedrich Holländer und Gerhard Rühm.

Literarisch-musikalisches Kabarett mit Birgit Kindler (Stimme) und Christian Kempa (Klavier).

Veranstalter Warmbronn



Die zwei Seiten einer Medaille

von Iris Voltmann (Leonberger Kreiszeitung 11.06.2003)

LEONBERG - Ein Potpourri aus Heiterem und Mahnendem, aus Gefälligem und Querköpfigem hatten die Veranstalter des Kulturpfingsten in der Lahrensmühle versprochen. Das zog das Publikum an. So war die Lahrensmühle am Pfingstmontag zum Abschluss des dreitägigen Kulturfestivals an der Glems bis auf den letzten Winkel besetzt, als die Chansonette Birgit Kindler ihr neues Programm präsentierte.

Am Klavier begleitet von Christian Kempa, wählte sie einen heiteren Einstieg mit dem Lied "Der Neandertaler". "Du kennst den Mann nicht" hat sie ihr Programm viel sagend überschrieben. Der Neandertaler, so schien es, muss wohl der bessere Mensch gewesen sein. Er trägt nicht nur einen kleinen Bart als sichtbares männliches Attribut. "Man kann ihn sogar auf dem Schulterblatte kämmen", sang Birgit Kindler, "der kennt kein Rheuma und keine Bandscheibe." Einmal in der Woche müsse man ihm den Lendenschurz waschen und bekäme dann unheimlich viel von ihm zurück. Da musste vor allem das weibliche Publikum schmunzeln.

Doch nicht nur Heiteres - wie in der Ankündigung versprochen - hatte die Künstlerin zu bieten. Ihre nachdenklichen Lieder und Texte erzählen auch von Müttern, die ihre Söhne vor dem Krieg, vor der Sucht nach Ruhm und Ehre warnen. "Was sind schon Orden", rezitierte die Künstlerin, "wie grausam dagegen ist der Krieg und der Tod."

Dieser abschliessende musikalisch-literarische Abend war von der Christian-Wagner-Gesellschaft Warmbronn organisiert worden. Trotz der Hitze drängten sich die Menschen vor der kleinen Bühne. Wer keinen Sitzplatz mehr ergattert hatte, fand auf Stufen und Tischen noch ein Plätzchen.

Der erste Teil des Programms widmete sich eher dem Verhalten der Männer und war mit "Die eine Seite" überschrieben. Nach der Pause liess Birgit Kindler die Frauen "Mit der anderen Seite" zum Zuge kommen. So trug Birgit Kindler zum Beispiel "Die Jammerballade einer einst schönen Frau" vor. "Einst hatte ich Zähne wie Perlen", sang sie, "und jetzt, was ist aus mir geworden?" Auf den falschen Mann sei sie hereingefallen und lasse sich immer mehr von ihm schikanieren. Um Frauen, die sich in ihrer Liebe den Männern geopfert haben, ging es noch mehrmals in den Liedern der Chansonette. Birgit Kindler kommt ursprünglich aus Warmbronn und hat Pantomime, Schauspiel und Gesang studiert. Dieses Können bewies sie am Montag umfassend. Kleinere Pannen, wie etwa eine vergessene Textstelle, überspielte sie mit Humor und einem charmanten Lächeln. Das Publikum dankte es ihr mit viel Applaus.