Startseite Veranstaltungen im Rückblick "Internationaler Tag des offenen Denkmals" 2003

"Internationaler Tag des offenen Denkmals" 2003

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Sonntag - 14. September

Wie man ein neues Wasserrad für die Lahrensmühle baut

Anlässlich des Internationalen Tags des offenen Denkmals konnten sich die Besucher mit den Planungen zum Bau eines Wasserrads für die historische Lahrensmühle unter der Führung des Technik-Historikers Ralf Spicker vertraut machen. Dazu hatte die Besitzerfamilie den Bereich um die noch vorhandene Achse des Mühlrads so weit freigegraben, dass diese sowie ihre Lagerpunkte im Boden gut sichtbar sind. Die Ausmasse des in den 60er-Jahren im Rahmen der Glems-Begradigung zugeschütteten Antriebs der Lahrensmühle lassen sich an den Schleifspuren am Mühlengebäude erahnen. Eine eindrucksvollere Demonstration liefert aber die von Zimmermeister Jürgen Ziegler gebaute Wasserrad-Attrappe im zur Hälfte freigelegten Bereich der sogenannten Wasserstube, worin früher das Mühlrad von aussen unsichtbar seine Arbeit zum Betrieb der Müllereimaschinen verrichtete. Die in der Radachse eingesteckten Holzspeichen in den richtigen Massen und ein umschliessender Halbkreis zeigen ein relativ breites Wasserrad. Die Breite war nötig, um die Wasserkraft der mit nur geringem Gefälle fliessenden Glems ausreichend nutzen zu können.

Dass das Mühlrad mit 24 Schaufeln besetzt sein müsste, hat der “Mühlendoktor aus dem Schwäbischen Wald'', Eberhard Bohn, errechnet. Die Konstruktion des Rades folgt symmetrischen Gesichtspunkten, so Bohns Erfahrung, der leider aus gesundheitlichen Gründen seine Teilnahme an der Denkmals-Veranstaltung an der Lahrensmühle absagen musste. Wie der Antrieb des Wasserrads funktionieren kann, war in einem beeindruckenden Modell zur Schau gestellt. Den zugeschütteten Mühlkanal ersetzt ein kleines Pumpwerk, das  Wasser aus einer Wanne nach oben pumpt, um die 24 Schaufeln in Bewegung zu versetzen und zugleich die Mühltechnik im Innenraum anzutreiben.

Ein billiges Unterfangen wird es nicht, die Lahrensmühle wieder mit einem Mühlrad auszurüsten. 25 000 Euro sind veranschlagt - nicht nur das beständige Eichenholz hat seinen Preis, aus dem das neue Rad entstehen soll. Mit der diesjährigen Veranstaltung wollte die Familie der Mühlenbesitzer Sponsoren ansprechen, damit wenigstens eine Mühle entlang des Glems-Mühlen-Radwegs sich vollständig mit Wasserrad und funktionsfähiger historischer Mühleneinrichtung präsentieren kann. Schließlich hat bislang keine Mühle hier ein funktionierendes Mühlrad. Doch das allein ist es nicht. "Wer einmal hier war, kommt wieder'', hat die Besitzerfamilie beobachtet. Die Lahrensmühle übt offenbar eine Anziehungskraft auf viele aus, die auf dem Mühlenweg unterwegs sind oder die Gast sind in dem Kleinod bei einer der zahlreichen kulturellen Veranstaltungen über das Jahr hinweg. Bis ein ausreichender "Grundstock" zum Bau des Wasserrads angesammelt ist, wird wohl noch einige Zeit vergehen, aber die Resonanz anlässlich des Internationalen Tags des offenen Denkmals war durchaus positiv, so dass die Idee vom neuen Mühlrad der Lahrensmühle kein Traum bleiben muss, wenn sich weiterhin begeisterungsfähige Spender finden.



Heimatgefühl, Naturschutz und Gaumenfreuden

Dass sich das Leonberger Heimatgefühl am Glemstal und an der umgebenden schwäbischen Landschaft mit ihren Streuobstwiesen festmacht, ist längst kein Geheimnis mehr.
Dass die Lahrensmühle in Zentrumsnähe eine solche Streuobstwiese zu bieten hat, ist da schon weniger bekannt.
Dass man aber gerade hier noch Landschaft schützen muss, sollte sich dringend in Leonberg verbreiten, bevor es gänzlich zu spät ist!

Die Fachwarte des Landesverbands "Obst, Garten und Landschaft" informierten darüber, dass Landschaftsschutz durchaus Spass machen kann.  Denn eine Streuobstwiese ist nicht nur Rückzuggebiet für zahllose Kleinlebewesen, sie liefert auch manche Spezialität zum Essen und zum Trinken. In der restaurierten historischen Scheune der Lahrensmühle hatten die Besucher die Möglichkeit, eine Vielzahl von Apfel- und Birnensorten, aber auch Zwetschgen aus hiesigem Anbau zu probieren. Und der frisch gepresste Apfelsaft fand als herzhafte Erfrischung begeisterte Abnehmer.  Als besondre Attraktion war zudem eine alte Mostpresse aufgestellt worden, die dann auch in Aktion gezeigt werden konnte. Am Abend konnten die Veranstalter auf eine gelungene Präsentation ihrer Arbeit und Erzeugnisse zurück blicken.


Moderne Musik auf alten Instrumenten leise improvisiert

Patrick Bebelaar ist dem Leonberger Publikum durch zahlreiche Konzerte bereits bestens bekannt. Dieses Mal spielt er mit dem Cellisten Fried Dähn zusammen, der nicht nur als erster sich ein E-Cello bauen liess und für die Arbeit mit diesem Instrument mehrere Auszeichnungen bekam. Vielmehr spielte er auch mit der Rocklegende Frank Zappa, arbeitete mit dem Ensemble Modern und spielte in seiner jüngsten Vergangenheit immer wieder mit Jazzmusikern zusammen. Das erste Zusammentreffen mit dem Landesjazzpreisträger Bebelaar kam durch dessen Komposition "Passion" 1999 zustande, die in diesem Jahr auch beim Bachfest in Leipzig zweimal aufgeführt werden wird.

Bebelaars CDs "Raga" und "Passion" wurden für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert, und durch das Trio mit dem Trompeter Herbert Joos und dem Bassisten Günter Lenz hat er sich weit über die Grenzen des Landes einen Namen gemacht. Die Uraufführung seiner von der Internationalen Bachakademie in Auftrag gegebenen Komposition "Point Of View" mit den indischen Musikern Pandit Prakash und Pandit Vikash Maharaj, sowie Michel Godard lockte jüngst über 700 Menschen in die Stuttgarter Liederhalle, während seine Suite "You Never Lose An Island" beim Internationalen Theaterhaus-Jazzfestival in Stuttgart von Kritikern als musikalischer Höhepunkt gefeiert wurde.


Auch international ist Bebelaar immer wieder tätig, er arbeitete bereits seit mehren Jahren mit Kindern aus Townships in Südafrika zusammen und gab Masterclasses an verschiedenen Hochschulen in Südafrika und Russland.
Im Duo mit Fried Dähn werden die beiden Musiker bewusst neue Wege mit dem Cello und dem barocken Clavichord suchen. Leise und zarte Töne in einer Welt, in der sich ansonsten meist nur die lauten Töne durchzusetzen vermögen. Ein Konzert gegen den Strom der Zeit.

Veranstalter: Warmbronn



Alte Mühle und moderne Klänge

von Guntram Zürn (Leonberger Kreiszeitung 16.9.2003)

LEONBERG - Mit Klavichord und Cello statt Keyboard und elektrischer Gitarre präsentierten Patrick Bebelaar und Fried Dähn am Sonntag in der Lahrensmühle zum " Tag des offenen Denkmals'' moderne Musik auf alten Instrumenten. Schon die Kombination der Instrumente verriet Experimentierfreude, erst recht das ideenreiche Konzertprogramm. Erst zum zweiten Mal trat das Duo in dieser Besetzung auf.

In "Nummer eins'' von Patrick Bebelaar zupfte Dähn am Cello temperamentvoll ein rhythmisch gleich bleibendes, viertöniges Muster, das sich durch verschiedene geteilte Akkorde zog. Darüber entfaltete Bebelaar temperamentvoll vibrierende zumeist einstimmige Motive, deren intensive innere Spannung an eine spanische Gitarre erinnerte. Sein Anschlag bereicherte ein zauberhaftes, einnehmendes Vibrato. Er spielte geschickt mit der Technik seines hundert Jahre alten Instruments. Die Saiten werden beim Klavichord von schmalen metallischen Stäbchen angerissen, die beim Niederdrücken der Tasten emporgehoben werden. Obwohl das Instrument, ohne merklich an klanglicher Qualität einzubüßen, bereits auf doppelte Lautstärke verstärkt war, musste sich Fried Dähn am Cello stets in dynamischer Hinsicht zügeln. Es dominierten leise und zarte Töne, denen die beiden einen bemerkenswerten Verve verliehen.

Eine ganz andere Gitarrentechnik entwickelte Bebelaar in seiner Komposition "Point Of View''. Per Gegenbewegung wandelte er darin ein Motiv aus dem Trauermarsch im zweiten Satz der siebten Sinfonie Ludwig van Beethovens. Er spielte mit dem Gestus der Musik des Meisters. Die zunächst klassisch vertraut anmutenden Akkorde bahnten sich mit packender Intensität ihren Weg in den Jazz. Dazwischen mischte er filigrane Triller. Bebelaar nutzte das Klavichord nicht nur als Melodie-, sondern auch als Rhythmusinstrument. Er griff in den Resonanzboden und schrammte wie bei einer Gitarre den Rhythmus zum virtuosen Melodiespiel Dähns.

Dähn entfaltete ein wahres Feuerwerk an Experimentierfreude. Es gelang ihm eine dichte Atmosphäre orientalischer und asiatisch anmutender Klänge zu erzeugen. Er verlieh dem Anklang seines Instruments einen Charakter, der einer Sitar ähnelte. Sein Spiel mit Obertönen seines Instruments begeisterte. Dähn entwickelte viel, spielte mit den klanglichen Möglichkeiten seines Violoncellos. Er benutzte das Cello als Schlaginstrument, indem er mit dem Bogen auf die Saiten klopfte oder einfach auf den Resonanzkörper trommelte. Er stupfte mit den Fingern auf die Tasten, ja er schob sogar den Bogen unter den Steg und ließ es ordentlich knirschen. Mit Pep und kubanischem Esprit tönte es bei Dähns Komposition "Cuenta me''. Das schwungvolle Stück mit eingängigem Rhythmus kontrastierte geschickt Bebelaars Solo am Klavichord "Mea culpa'' oder seine groovigen Jazzimprovisationen in "Nummer drei''.

Bemerkenswert entfaltete das Duo auf dem voll besetzten Holzboden der Lahrensmühle eine mitreißende kreative Konzertstimmung. Das abwechslungsreiche Programm fesselte durch erfindungsreiche, anregende Kombinationen der klanglichen Möglichkeiten der alten Instrumente für moderne Musik von Jazz über asiatische Klänge bis hin zu kubanischen Pep.