"Herbst Theater" 2003

Drucken

Samstag - 27. September



"Auftakt"

Sieben Künstler stellten sich und ihre Programme vor für den bevorstehenden Zyklus "Herbst Theater".

Veranstalter Leonberg

Bei der Eröffnungsveranstaltung hatten die Besucher die besondere Gelegenheit sich einen Überblick zu verschaffen, welche Künstler in den folgenden Wochen in der Lahrensmühle auftreten würden. An diesem Abend waren sie nämlich alle da.

Stefanie Kerker ist Diplom-Sprecherin und arbeitet seit mehreren Jahren als freie Sprecherzieherin, Sprecherin und Schauspielerin. Zahlreiche Aufführungen an Kleinkunstbühnen in der gesamten Bundesrepublik mit ihrem ersten Soloprogramm "Bringe Unheil mir nicht, der Du von Liebe mir sprichst”.

Adelheid Kreisz gründete 1996 ihre kleine Schattenbühne "Cadrage" und erarbeitet seither mit den Musikern Sywia Zytynska, Frank Kroll  und neuerdings Bianca Rossi eigene Inszenierungen. Seit dem Jahr 2000 kommt es neben der Arbeit für ihre eigene Bühne zu gelegentlicher Zusammenarbeit mit "Musik der Jahrhunderte".

Frank Kroll beschäftigt sich intensiv mit zeitgenössischem Jazz und improvisierter Musik sowie der Musik anderer Kulturen. 1999 erhielt er ein Stipendium der Kunststiftung Baden- Württemberg. Er wurde im Jahre 2003 mit dem Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Seine Haupttätigkeit ist die Arbeit mit seinem Ensemble Landscape, dem Trio Limes X, dem Duo Bebelaar-Kroll.

Bianca Rossi ist als Gesangslehrerin im Raum Stuttgart tätig. 1993 gab sie ihr Debüt als Venus in der Euridice von J. Peri im Innenhof des Palazzo Pitti in Florenz, dem historischen Ort der Uraufführung dieser ersten Oper der Geschichte aus dem Jahre 1600. Danach hat sich Bianca Rossi überwiegend dem klassischen Liedrepertoire gewidmet. Seit 2002 wirkt sie bei Produktionen des Stuttgarter Staatstheaters mit.

Ulrich Schlumberger wurde 1999 1. und 2. Preisträger im nationalen Kammermusik- und Solo-Wettbewerb. 2000 erhielt er ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg und gewann im selben Jahr den 2. Preis im Internationalen Kammermusikwettbewerb. Sein Repertoire umfasst Übertragungen Alter Musik, wie auch zeitgenössische Originalkompositionen. Außerdem tritt er als Theatermusiker  auf.

Michael Schütz, Komponist, Arrangeur, Pianist, Produzent und Publizist. Er hat bei Live- und TV-Auftritten mit zahlreichen internationalen Künstlern zusammengearbeitet und CDs arrangiert und produziert, außerdem  Kabarettprogramme, Kompositionen und Arrangements. Er ist zudem als Dozent für Popularmusik tätig.

Michael Speer gestaltet in Stuttgart seit 1991 eigene Bühnenprogramme mit dem Schwerpunkt Literatur. Dabei entstanden Solo-Programme und Ensemble-Produktionen in unterschiedlicher Besetzung, aber auch Auftragsarbeiten. Neben seiner Arbeit als freier Bühnenkünstler arbeitete Michael Speer in den letzten Jahren als Gastspieler.

Neben Auszügen aus den Programmen, die im Herbst zu sehen sein würden, präsentierten die Akteure aber auch weiteres aus ihrem sonstigen Repertoire. So kam es zu Begegnungen auf der Bühne zwischen den Schau- und Schattenspielern, Musikern und Sängern aus drei Ensembles. Ob improvisiert oder einstudiert - der Zuschauer konnte erleben, dass Künstler unterschiedlichster Sparten heute keine Berührungsängste mehr kennen, sondern gerade in ihrer Unterschiedlichkeit eine Chance zur gegenseitigen Inspiration sehen.

Und zum Schluss sind alle Beteiligten dann nicht in ihren Garderoben verschwunden, sondern haben sich zu ihren Gästen gesellt, um bei einem Gläschen Wein und einem guten Häppchen zu zeigen, dass hinter den Künstlern auch ganz normale Menschen stecken.


Samstag - 4. und 31. Oktober

"Se l'aura spira"

Eine kurze Beziehungsgeschichte mit Renaissanceliedern, Improvisationen und Schatten mit Bianca Rossi (Sopran), Frank Kroll (Bassklarinette) und Adelheid Kreisz (Schatten).

Machen große Unterschiede eine Beziehung reizvoller? Darf man/frau Lieder der Renaissance von Dowland, Frescobaldi etc. mit der Improvisation des Jazz in Verbindung bringen? Bleibt deswegen manches im Schatten?

Veranstalter Leonberg



Toll umtanzen Figürchen die Schatten der Liebenden

von Guntram Zürn (Leonberger Kreiszeitung 07.10.2003)

LEONBERG – Ein animierendes Schattenspiel mit Musikbegleitung stand am Samstag als erste Veranstaltung des Kulturherbstes in der Lahrensmühle auf dem Programm. Die Vorführung erwies sich als kleiner Publikumsmagnet. Der urige Zuschauerraum in der Mühle wurde rasch um etliche Sitzgelegenheiten erweitert.

Das einnehmende Schattenspiel von Adelheid Kreisz war fantasievoll und erfinderisch. Ihre Inszenierungen zu Renaissanceliedern arbeiteten weniger mit figurativen Elementen. Mit eindrucksvollem grünen Farbenspiel ineinander verschlungener Tücher eröffnete sie ihre Vorstellung mit dem heiteren Stück "Se l'aura spira" ("Wenn das Lüftchen weht") von Girolamo Fescobaldi. Aus abstrakten Formen und feinen Mustern entwickelten sich in sanften Bewegungen Gegenstände wie ein Schal oder ein Sommerhut. Dies fügte sich wunderbar zur Stimmung der meist sentimental klagenden Liebeslieder. Die Regie setzte auf die Schattenrisse der beiden Musiker, der Sopranistin Bianca Rossi und Frank Kroll an Saxofon und Klarinette. Diese lieferten sich ein erotisches Wechselspiel. Dabei tanzten tollend Figürchen wie winzige Cupidos um die Sängerin, die mit ihrer Hand um den geraden Klarinettenstil strich.

Zum Volkslied "Canzone delle sei sorelle" entfaltete Kreisz Bild um Bild ein Leporello. Die neapolitanische Weise preist die Vorzüge von sechs Schwestern. Jede verfügt über derartige Qualitäten, dass sich der Sänger gleich in alle verlieben muss. Die Vorzüge sind in dem derben Gassenhauer körperlicher Art. Kreisz markierte Po und Brüste der Schattenfiguren mit leuchtenden roten Herzen. Die Zuschauer goutierten ihr ausgelassenes Schwenken und Zoomen des Faltblatts mit begeistertem Szenenapplaus.

Das Liedrepertoire reichte von Heinrichs VIII. Komposition "Helas Madame" über ein feinsinniges Madrigal "Lamento della ninfa" von Claudio Monteverdi bis zum französischen Trinklied "Tourdion"...


Samstag - 11. und 18. Oktober

"Von der Liebe und anderen Monstern"

Die Irrfahrt der Penelope mit Stefanie Kerker (Idee, Text, Darstellung), Michael Schütz (Arrangements, Klavier)

Neid, Schuld, Hoffnung – um diese und andere "Monster", die während so mancher Irrfahrt des Menschen das Ruder in der Hand halten, kreist das Programm. Im Zentrum: Penelope, Gattin des Odysseus. Während er seinen heldenhaften sagenumwobenen Kampf mit allerlei Ungeheuern ficht, bleibt sie, die Wartende, zurück – scheinbar arm an Abenteuern und Herausforderungen. Doch der Reihe nach tauchen sie auf, die Monster, und machen Penelope zum Spielball ihres Vergnügens ...
Veranstalter Leonberg



Viel zu früh kehrt Odysseus heim

von Guntram Zürn (Leonberger Kreiszeitung 14.10.2003)

LEONBERG - Eine "Welcome-Party" nach der anderen steigt am Strand von Ithaka. Die Schlachten sind geschlagen. Troia ist besiegt. Die Schiffe mit den Helden und Ehemännern kehren nach und nach heim. Doch ein Segel erscheint nicht am Horizont. Penelope wartet nach elf Jahren immer noch auf ihren Gatten Odysseus. Ein ganzes weiteres Jahrzehnt muss sie noch ausharren: Diese Irrfahrt der Penelope nimmt Stefanie Kerker zum Stoff für ihr Musical "Von der Liebe und anderen Monstern". Am Samstagabend war das Werk in der Lahrensmühle zu genießen.

Klingelt da nicht ein Handy? Penelope geht ran und palavert munter mit ihrer Nachbarin. anfangs findet sie Gefallen am Alleinsein. Vielleicht eine Runde auf dem Speedboot drehen und das Haus umkrempeln? Auf jeden Fall fliegt die völlig überdimensionierte Espressomaschine des Gatten raus. Stefanie Kerker und die Regisseurin Marie Helle inszenieren nicht die gewohnte treue Gattin und ihre Streitigkeiten mit den vielen werbenden Freiern. Sie entwerfen ein packendes Kammerspiel, das vor Einfallsreichtum überbordet und vor Humor sprüht. Die Gefühle der einsamen Penelope sind zeitlos. Neid, Eifersucht, Schuld oder den morgendlichen Blick in den Spiegel, das erwartet man, doch nicht auf derart fantasievolle Art vorgeführt. Geschickt fließen Elemente der griechischen Mythologie und der modernen Beziehungskrise ineinander.

Erfrischend einfach sind ihre Anspielungen auf die Moderne. Deutlich und mit packendem Spiel entwirft Stefanie Kerker die Emotionen. Sie sind mit teils eingängigen und teils skurrilen Motiven verknüpft. Der grüne Nebel Neid dampft vor den perlenden Sektgläsern der Partys - die anderen Frauen sind nicht mehr allein. Hat die Eifersucht da nicht ein paar Tropfen Joghurtsoße verloren? Verschlungen entwickeln sich dagegen mit Tiefgang die Traumszenerien. Ein wilder Wicht bringt brutal alles durcheinander. Querverbindungen jagen sich: Siegfried, Ali Baba oder die sieben Zwerge. Dazu brausen bekannte Melodien am Klavier von Michael Schütz wie "Marmor, Stein und Eisen bricht" über die Bühne. Seine abgezirkelte Begleitung wirkt wie ein Pianospiel im alten Stummfilmkino: Er setzt, ohne in den Vordergrund zu treten, wichtige motivische und stimmungsvolle Akzente. Seine eingespeisten Motive verbinden dabei, ohne allzu anspruchsvoll zu sein, feinsinnig die einzelnen Szenen.

Möglich macht diese ideenreiche Irrfahrt der Penelope aber vor allem das intensive Spiel von Stefanie Kerker. Herrlich ungelenk lässt sie sich auf den Partys zum Tanz auffordern. Sie stelzt wie ein knorriger Kobold und zaubert mit ihrer Mimik eine packende Atmosphäre. Als zitternde Unschuld verschränkt sie die Arme und zieht die Zuschauer mit ihrer verzweifelten Einsamkeit in ihren Bann. Kerkers "Komm bitte zurück und halte mich fest" bohrt sich ins Bewusstsein des Publikums. Mit Temperament greift sie zur Harpune und bringt die Nixe auf, mit der Odysseus sie betrogen haben soll. Sie gibt den Emotionen ein Gesicht, den wilden Träumereien Profil und der Hoffnung Gestalt: Als am Schluss Odysseus wieder auftaucht, mag sich so mancher begeisterte Zuschauer in der ausverkauften Mühle gedacht haben: Der hätte sich ruhig noch ein paar Jährchen Zeit lassen dürfen.


Samstag - 25. Oktober und 8. November

"Als Hugo Wolf die Motten kriegte"

Michael Speer stellte in diesem Programm Literatur des 20. Jahrhunderts zum Thema Musik vor. Autoren wie Heinrich Böll, Thomas Mann, Robert Walser, Ernst Jandl, Franz Werfel u.a. erzählen in Lyrik und Prosa von Musikern und ihrem Publikum, von den Musikkritikern und den Impressarios.
Michael Speer bewegte sich hierbei virtuos zwischen klassischer Rezitation, dem schlichten Erzählen und der szenischen Auffassung von Texten. Er brachte dadurch sowohl die ernsten Aspekte des Themas als auch die komischen und satirischen Seiten zum Ausdruck.
Begleitet wurde er von dem Akkordeonspieler Ulrich Schlumberger, der sowohl das klassische als auch das moderne Repertoire seines Instrumentes beherrscht. Er bereitet musikalisch auf die Texte vor, kommentiert sie anschliessend oder unterstützt mit seinem Spiel die gesprochenen Interpretationen. Hierfür dienen ihm Kompositionen von  Scarlatti, Rameau, Hölszky, Strawinsky, Piazzolla u.a.

Veranstalter Leonberg



Fortissimo gegen das Husten nach Partitur

von Rainer Enke (Leonberger Kreiszeitung 27.10.2003)

LEONBERG - Eindrucksvoll setzte Michael Speer die unterschiedlichen Sichtweisen der Literatur des 20. Jahrhunderts zum Thema Musik in seinem Bühnenprogramm "Als Hugo Wolf die Motten kriegte" am Samstagabend in der Lahrensmühle.

Zusammengetragen hatte Speer, der seit 1991 eigene Programme gestaltet, Passagen, Zitate, Essays, Lyrik und Prosa zur und über Musik, Musiker und Musikbetrieb. Sarkastisch, ironisch, witzig und manchmal zynisch, aber immer genau beobachtend waren die Texte von Heinrich Böll, Thomas Mann, Robert Walser, Ernst Jandl, Franz Werfel und anderen. Speer sprach, rezitierte und spielte mit sparsamer, aber ausdrucksvoller, konzentrierter Gestik und Mimik. Die passenden musikalischen Kontrapunkte setzte der hervorragende Ulrich Schlumberger mit seinem Konzertakkordeon und Stücken von beispielsweise Adriana Hölszky, Igor Strawinsky, Astor Piazolla und vielen zeitgenössischen Komponisten. Die Regie des dichten packenden Programms führte Frank Stöckle.

Engagiert, wütend, trotzig wetterte Speer gleich zu Anfang gegen den Dauerbeschuss durch die Musik heutzutage, im Kaufhaus, Flugzeug oder Restaurant. Das pausenlose Vollgestopftwerden mit Musik, der "krankhafte erzwungene Musikkonsumatismus durch die Musikindustrie vernichtet den Menschen". Seine Kunst als Mime zeigte Speer in der Rolle des Dirigenten, mit einem Taktstock als Requisite, lauschend, fordernd, befehlend um schließlich zu einem versöhnlichen Ausklang zu finden.


Dann gab es die dicke, Angst einflößende Klavierlehrerin, die zu Beginn der Stunde immer Tschaikowskys Trauermarsch intonierte, während die Kinder wie paralysiert auf ihre im Takt wippenden Brüste starrten. Mit Tucholsky sinnierte Speer über den "fehlenden Grundakkord" eines begabten Klavierspielers, die dessen Kunst zunichte macht. Dass Alfred Brendel einen dritten Zeigefinger hatte, erfuhr das amüsierte Publikum. Der reckte sich nach Lust und Laune aus der Nase, dem Hemd, dem Frack, zeigte anklagend auf Hüstelnde, kokettierte mit der Dame in der dritten Reihe oder klopfte dem Meister an die Stirn, wenn die Pferde mit ihm durchzugehen drohten.

Den Takt- als Blindenstock nutzend, kroch Michael Speer vorsichtig über die Bühne. Sein frecher Kommentar: "Beethoven war taub. Na und?" Witzig-süffisant, akribisch beobachtend schildert Thomas Mann in seiner umständlichen Honoratiorensprache den Auftritt des Klavier spielenden "Griechenknaben Bib" in "Das Wunderkind" – eine Persiflage auf das Bildungsbürgertum. Das Husten ohne Erkältung im Konzert, das "Gebell nach Partitur", ansteckend wirkend auf andere "latente Neurotiker", lässt eigentlich nur noch Besuche von Werken mit viel Blechbläsern oder von Männerchören zu: Musik mit "gewissen Quanten an Fortissimo". Hans Magnus Enzensberger ergeht sich in ausführlichen Betrachtungen über die Musik und speziell Beethovens Kreutzersonate. Deren gesellschaftliche Relevanz wird anhand des ersten Prestos beinahe philosophisch hinterfragt.

Und die Motten des Hugo Wolf? Die bekam er, als er eine Zwiebel aß, beim Schreiben des 243. Liedes, und diese Insekten den "Thannhäuser" summten, was den Meister schier um den Verstand und seiner Wirtin einen neuen Mieter brachte. Speer und Schlumberger boten einen vergnüglichen aber anspruchsvollen Abend in Text und Musik, schade, dass dieses Mal die Lahrensmühle nur spärlich besetzt war.