"Weihnachten" 2003

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Samstag - 20. Dezember

La notte dei torroni

von Carlo Benz
frei nach Guiseppe Gironda

Sicher, sie schmecken ja auch gar zu gut, die leckeren Torroni, das süsse Nougatgebäck, das man alljährlich in ganz Italien zu Weihnachten gerne isst.

Aber das ist doch noch lange kein Grund, die gesamte Verwandtschaft und Belegschaft zu tyrannisieren. Doch! Für Don Benedetto schon! Es ärgert ihn, dass ausgerechnet in diesem Jahr diese köstliche Nascherei nirgendwo mehr aufzutreiben ist. Seit Vincenzo Placanica, der einstige Besitzer der ‚Altehrwürdigen und Preisgekrönten Torronifabrik' in der Region Calabria, tot ist, weiß niemand mehr diese herrliche Leckerei zu verfertigen.
Don Benedetto's Mündel Rosalia hat nichts zu lachen - ihr Oheim stimmt einer Hochzeit mit dem feinen Galan Ludovico nicht zu, den sie doch so sehr liebt. Pedrolino hat nichts zu lachen - viel zu gerne hätte er eine frohe Zeit mit Enrichetta, der Haushälterin des missmutigen Don Benedetto; aber diese hat alle Hände voll zu tun, um ihren Herrn wieder gut zu stimmen und so überhaupt gar keinen Sinn für Pedrolino's Amouren.
GianFritello, Knappe des Ludovico, hat nichts zu lachen - und dabei hat er doch nur Augen für Rosaura, der Konditorentochter, die ihren naiven Poussierknaben schon zu führen weiss.

Nahezu lächerlich, das Ganze!

Doch wie so oft: wenn die Not am größten ... - Donna Saveria! Ein Engel? Oder, einfach nur ein guter Mensch? Ist eigentlich auch nicht so wichtig! Jedenfalls liegen sich am Ende alle glücklich in den Armen.

Und Don Benedetto? Tja, der mampft selig und zufrieden seine Torroni, und Donna Saveria ... und was dann die zwei Drei-Heiligen-Könige zudem damit zu tun haben - nun, schau'n wir mal!

Eine temporeiche und märchenhafte commedia dell'Arte für Jedermann im besten Alter, von Carlo Benz, mit viel Musik, rasantem Rollenwechsel und in entzückenden Kostümen zeigt das theateradhoc aus Stuttgart; und das ganz bestimmt nicht nur zur Weihnachtszeit!

mit:
Nicole Bender, Ingrid Schubert, Carlo Benz, Marius Ionescu, Paul Vervecken

Veranstalter Leonberg



Ein Nougatgebäck und der Sinn des Lebens

von Ludwig Laibacher (Stuttgarter Zeitung 22.12.2003)

LEONBERG. Mit einer Weihnachtskomödie ist in der Leonberger Lahrensmühle die Saison zu Ende gegangen: Ein Spalier aus Fackeln wies den Weg zur Bühne, wo ein schöner schlichter Schabernack auf die Besucher wartete: Das Stück “La notte dei torroni” von Guiseppe Gironda.

Erster Gedanke, als ein hüstelnder und zeternder Don Benedetto die Bühne betritt: Der passt in diese Mühle und sein Jammern und Keifen passen in die Weihnachtszeit 2003. Obwohl das Stück "La notte dei torroni" mit jeder Zeile verrät, dass es lange vor der Erfindung des millionenschweren Subventionstheaters verfasst wurde. Alles scheint sehr einfach, und auf der Bühne agieren fast nur Typen in lauter stereotypen Situationen. Aber das auf sehr amüsante Weise.

Carlo Benz hat sich leichte Änderungen und Einfügungen am Stück von Giuseppe Gironda erlaubt und ist so der Commedia-dell-te-Tradition treu geblieben. Das heißt, er hat dem historischen Stegreifstück ein Stück Spontaneität zurückgegeben. Und schon blitzen in diesem schrecklich lächerlichen Greinen um ein süße Nougatgebäck – den torroni, die angeblich niemand mehr backen kann, seit ein großer Konditormeister gestorben ist – Parallelen zur aktuellen Katerstimmung im Land des Reformstreits auf.

Was hier vorgeführt wird, ist Verzweiflung auf hohem Niveau. Don Benedettos Hang zum Selbstmitleid macht ihn blind für jeden Ausweg. So müssen ihm andere beispringen – Ärmere, so will es die Theatermoral  und ihm zeigen, wie er doch noch in den für ihn höchsten Genuss am Weihnachtsfest kommen kann.

Davor, danach und dazwischen gibt es jede Menge Verwicklung und Verstrickung. Alle Nebenfiguren haben unter der anhaltend miesen Laune des misanthropischen Herren zu leiden: Rosalia, Enrichetta, Pedrolino und Gian-Fritello. Alle haben nichts zu lachen unter ihrem schikanösen, geizigen Herrn – dafür darf sich das Publikum umso herzhafter amüsieren. Ein Stück, das die Grenzen zwischen U- und E-Kunst noch nicht kennt und daher für Jung und Alt taugt, wie das Publikum am letzten Adventssamstag zeigte.

Die Schauspieler gehörten zum "theater-adhoc" aus Stuttgart. Nicole Bender, Ingrid Schubert, Carlo Benz, Marius Ionescu und Paul Vervecken präsentierten diese italienische Nacht als eine temporeiche Farce mit vielen Anleihen aus dem wirklichen Leben. Das Stück markiert auch den Abschluss eines Jahres, in dem sich die Lahrensmühle endgültig als feste Größe in der Kleinkunstszene etabliert hat.