Startseite Veranstaltungen im Rückblick "Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2004

"Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2004

Drucken
Samstag - 29. Mai

Chansonabend bei französchem Wein und Käse

Benannt hat sich das Stuttgarter Quartett nach Georges Brassens Chanson "Quand les cons sont braves". Die hintersinnig-kritischen Chansons von Georges Brassens, und deren Wurzeln im swing manouche à la Django Reinhardt, bilden den musikalischen Ausgangspunkt der "Braves Cons". Das Repertoire erweitert sich jedoch bald um Kompositionen von Jacques Brel, Serge Gainsbourg, Georges Moustaki, Claude Nougaro und anderen. Es geht den vier Musikern Markus Hallstein, Kai Weber, Oliver Biella und Holger Renz jedoch nicht um die originalgetreue Wiedergabe der Chansons. Die Stücke werden neu arrangiert, interpretiert und rhythmisch intensiviert. Neben den frankophonen Chansons gehören auch Jazzstandards – teilweise mit französischen Texten – und Eigenkompositionen zum Programm von Les Braves Cons.

Veranstalter: Leonberg



Frankofon die Dinge beim Namen nennen

von Susanne Müller-Baji (Leonberger Kreiszeitung 01.06.2004)

LEONBERG - Die große Liebe, die zum großen Betrug wird, und die Trabantenstadt, die an eine Sardinenbüchse erinnert: Heile Welt, das wissen die französischen Chansoniers, ist eine Illusion. Auch die Formation "Les Braves Cons'' wusste ein Lied vom Unrecht des Lebens zu singen. Sie eröffnete die Veranstaltungsreihe "Kulturpfingsten''.

Vordergründig erfüllten die Walzerklänge am Samstagabend den Mühlenraum, dass es eine reine Freude war: Die idyllischen Winkel an der Seine kamen einem in den Sinn, Rotwein, Käse und Baguette, die ganze Bandbreite der Klischees über die Stadt der Liebe und des französischen "Savoir-vivre''. Doch bei genauerem Hinhören klangen die Molltöne des Lebens an: Yves Montand kam zu Wort mit "Quand tu dors près de moi'' und berichtete von seiner Geliebten, die im Schlaf von einem anderen Mann spricht, von der er trotzdem nicht lassen kann. Claude Nougaro besang die Trabantenvorstadt "Bidonville'', die er böse mit einer Sardinenbüchse verglich. Und auch Serge Gainsbourg erzählte in "La Chanson de Prévert'' vom Gedicht "Les Feuilles Mortes'' des Dichters Jacques Prévert davon, dass die welken Blätter noch Jahre später Erinnerungen an eine längst vergangene Liebe heraufbeschwören.

Die Stuttgarter Formation "Les Braves Cons'' ließ die großen französischen Chansoniers aufleben: Begleitet von den beiden Gitarristen Holger Renz und Kai Weber sowie dem Kontrabassisten Oliver Biella arbeitete sich Sänger Markus Hallstein durch den Stoff voller Tragik und Alltagskatastrophen. Mit einer Stimme, die bisweilen brüchig klang und in einen Sprechgesang verfiel und die doch vorzüglich passte zu den zerstörten Hoffnungen, die in den Texten immer wieder zur Sprache kamen. Markus Hallstein begründet mit dieser Unvollkommenheit auch die Faszination, die für die vier jungen Stuttgarter Musiker vom französischen Chanson ausgeht: "Uns gefällt die Rauheit der Stücke, die zum Teil auch mal recht deutlich sagen, was Sache ist.'' Das sei ein Merkmal, das sich nicht ins Deutsche übertragen lasse, "das klingt dann einfach nicht''. Benannt hat sich das Quartett nach einem Chanson von Georges Brassent, "Quand les cons sont braves'', für das Hallstein die Übersetzung "wenn die Ärsche brav sind'' in seinen Textblättern vermerkt hat. Den Gästen des ausverkauften Konzertes gefielen die deutlichen Worte. Denn unsere westlichen Nachbarn wären wohl nicht Meister des "Laissez faire'', verstünden sie es nicht, die Brüche des Lebens in wunderschöne Melodien zu kleiden. "Les Cons Braves'' spielten den Blues herzzerreißend, zupften sich beschwingt durch die Walzeranklänge, schienen sich zu drehen, immer wieder - und konnten doch ganz wie ihre Protagonisten nicht entkommen.

Dennoch durfte an diesem Abend der Gassenhauer "Sous le ciel de Paris'' von Edith Piaf nicht fehlen. Er wurde in einer temporeichen Überarbeitung zum "Himmel über der Lahrensmühle''.


Sonntag - 30. Mai

"Südliche Tage"

Württemberger undsoweiterundsofort

Es spielen: Bernhard Hurm und Uwe Zellmer vom Theater Lindenhof Melchingen.

"Macht einfach Vergnügen". Das Mäandern ist des Schwaben Lust, denn Umwege, Verschlingungen und scheinbare Gegensätze machen sein Wesen aus.

In gewohnt humorvoller Weise, eingepackt in köstliche schwäbische Mundart, sinnieren und spintisieren, tratschen und sketchen die beiden Meisterturner der Literatur (Nürtinger Zeitung) landauf landab über den Schwaben und seine Heimat, jonglieren mit der schwäbischen Art und Sprache, und schauen tief in die schwäbische Seele.

Ein literarischer Parforceritt allererster Güte, ein Spagat zwischen Klamauk und Weltliteratur in der Schnelle eines Wimpernschlags, der von Oblomov bis "obenano" reicht. Wenig steht mehr für den schwäbischen Charakter als das Wort "obenano". Für Nicht-Schwaben: obenhinauchnochdrauf. Ein Stück Kuchen isst man obenano, oder man trinkt ein Viertel am Abend obenano. Mundartspiele, Dialektverdrehungen - sie können ebbes, sogar a bißle Hochdeutsch. Manchmal gibt's einen Text aus Hamburg, Düsseldorf, Augsburg oder einen Berliner Witz.

Veranstalter: Leonberg



Faulheit ist der Humus des schwäbischen Geistes

von Anja Tröster (Stuttgarter Zeitung 01.06.2004)

LEONBERG – Kenner trinken Württemberger. Oder sie schauen sich an, was die Lindenhof-Schauspieler Uwe Zellmer und Bernhard Hurm aus den Zeilen von Thaddäus Troll machen. Am Sonnstag begeisterten die beiden mit einem Gastspiel von "Südliche Tage" in der Lahrensmühle.

Wie viel Süden verträgt der Schwabe? Wenn man wie Uwe Zellmer und Bernhard Hurm vom Melchinger Theater Lindenhof Gustav Schwabs Gedicht "Der Reiter und der Bodensee" als Beispiel nimmt, nicht viel. Der fiel am südlichen Bodenseeufer tot um. Für die beiden ist es das beste Beispiel dafür, was die Schwaben wirklich plagt: daheim nämlich das Fernweh und in der Fremde der "Johmr".

Während man anderswo das bittersüsse Niemalsglücklichsein zur Tugend erhoben hat, spricht man hier zu Lande am liebsten nicht darüber. Zumindest, wenn man den beiden Schauspielern vom Lindenhof glauben will. Genüsslich zitieren sie den in Ludwigsburg geborenen Literaturkritiker und Philosphen Friedrich Theodor Vischer, der einst gesagt haben soll, die Norddeutschen sagten mehr als sie wüssten, die Schwaben dagegen wüssten mehr als sie sagten.

Kleine Sticheleien gegen das mit Reigschmeckten durchsetzte Publikum können sich die beiden prominenten Troll-Interpreten leisten. Mehr noch: selbst humorlose Kommentatorinnen fremden Zungenschlags auf den hinteren Bänken verzeihen den beiden solche Sünden. Vielleicht liegt es daran, dass die beiden die Herkunft des Suebenstammes verorten, wo der Herr von Ribbeck immerhin auch schwäbische Tugenden pflegte - die der knitzen Vorausschau. Indem er nämlich eine Birne ins Grab nahm, und auf diese Weise seinen geizigen Sohn austrickste. So konnte er den Kindern auch nach seinem Tod noch Birnen schenken.

Dafür, dass die Schwaben angeblich so wenig sagen, gibt allerdings auch die heimatverbundene Literatur reichlich Stoff her. Hurm und Zellmer, die schon mehr als tausendmal auf der Bühne Württemberger getrunken und sich als Kenner ausgewiesen haben, kennen auch dafür eine Erklärung: Zur schwäbischen Schwermut gehört eine ganz eigene Erzählweise. Wenn der Schwabe einmal angefangen hat, kommt er vom Hundertsten ins Tausendste und mäandert ohne Unterlass vor sich hin. Die Kunst des Abschweifens pflegt deshalb auch Hurm, als "bekennender Älbler" im Duo für die eher vokalfreie Variante des Dialekts zuständig. Kräftig gegen den Strich gebürstet, wird aus dem Material Lindenhof-Stoff: "Faulheit ist der Humus des schwäbischen Geistes!"

Uwe Zellmer, als gebürtiger Heidenheimer dem Stuttgarter Honoratiorenschwäbisch etwas näher, darf die längeren Monologe seines Partners mit kurzen, aber umso prägnanteren Einsprengseln würzen. Und natürlich darf auch jene trollsche Anekdote aus "Deutschland, deine Schwaben" nicht fehlen, worin der Schwabe klagt: "Do sitz i in Sydney rom ond dahoim gheret Beem gschnitta!"

Das Gastspiel der Lindenhof-Begründer war der unbestrittene Höhepunkt des dreitägigen Veranstaltungsreigens in der Lahrensmühle. Lange hatte der Mühlenbesitzer gekämpft, bis aus dem Besuch der beiden etwas wurde. Das Publikum schien nur darauf gewartet zu haben, der Sonntagabend war im Nu ausverkauft. Doch auch an den anderen Abenden füllte sich das Haus.

Eine Gemeinschaftausstellung in der frisch restaurierten Scheune ergänzte das Programm. Für ein Schnäppchen zwischendurch waren die Gemälde von Klaus Neuper und die Glascollagen Georg Brandners den meisten Besuchern wohl zu teuer. Umso mehr Beachtung fand der ausgestellte Schmuck des Stuttgarters Axel Werner.


Sonntag / Montag - 30./31. Mai 2004


Vier Künstler stellten aus

Der in Nürnberg geborene Klaus Neuper war 1969 erstmals in Ausstellungen vertreten und ist seit 1980 als freischaffender Künstler tätig. Bereits 1979 beschäftigte er sich neben der Malerei mit Collagen und Installationen zu den Themen “Natur, Zerstörung, der Mensch in der Natur”. Seine Werke sind auf nationalen und internationalen Ausstellungen vertreten, so erhielt er z.B. im Jahr 1988 den begehrten Preis “Certificate of Excellence”  International ART Competition New York.

Georg Brandner, in Leoben geboren, arbeitete ursprünglich als ausgebildeter Glaser, bevor er sich 1977 für eine freischaffende Künstlertätigkeit entschied. Dabei geht er nicht nur der Malerei nach, sondern ist auch als Grafiker, Plastiker und Objektgestalter tätig. Seit dem Jahr 2000 beschäftigt sich der Künstler mit dem Glasfusing, einer Transformation seiner Collagen in das Medium Glas. Seine Werke werden in zahlreichen namhaften Galerien und Museen ausgestellt.

Tatjana Y. Seehof wurde in Dresden geboren. Nach ihrem Studium der Kulturwissenschaften und Ästhetik entdeckte sie ihre Liebe zu textilen Materialien. Ihre Vielseitigkeit bewies sie als Dozentin für textiles Gestalten wie als Werbeleiterin im Verlagswesen. Von der Textilrestauration über die Herstellung von Spitzen gelangte sie 1996 zur Filzkunst. Seit 1999 ist sie als Kursleiterin auf diesem Gebiet tätig und 2002 folgten die ersten Ausstellungen ihrer Arbeiten.

Der in Stuttgart geborene Axel Werner wuchs in künstlerischer Umgebung der Eltern auf, die seine freie Entfaltung ermöglichten. Die Beschäftigung mit Musik, Instrumentbau und Malerei führte ihn zur Herstellung von Pfeifen und Messern. Vor 20 Jahren  hat er zu seiner nunmehr ausschliesslichen Tätigkeit gefunden: Design und Anfertigung von Schmuck.


Die Künstler wurden präsentiert von der Galerie Kunstwerk & Edition, Peter Menzel, Gerlingen



Eine Spielwiese der Kunst

von Susanne Müller-Baji (Leonberger Kreiszeitung 01.06.2004)

LEONBERG – Kulturpfingsten in der Lahrensmühle: Untrennbar damit verbunden auch eine Kunstausstellung. Neben den bildenden Künstlern Klaus Neuper und Georg Brandner gewährten bei einer Werkschau auch die Kunsthandwerker Tatjana Yvonne Seehof und Axel Werner Einblicke in ihre Arbeit. Das Fachwerk der Scheune wurde dabei zu einem wahren Spielfeld für Malerei und Design.

Das historische Gemäuer der "Kunstscheune'' bildete den kontrastreichen Hintergrund, vor dem abstrakte und abstrahierte Kunst und ausdrucksstarkes Design gleich noch mal so intensiv wirkten. Die Ausstellung im Rahmen von Kulturpfingsten wurde von Künstlern der Gerlinger Galerie "Kunstwerk und Edition'' beschickt. Mit dem Nürnberger Klaus Neuper und dem Leobener Georg Brandner präsentierten sich dabei zwei Vertreter des Informel, die allerdings gegensätzlicher nicht sein könnten.

Klaus Neuper überzeugte mit einer Reihe von Ritzungen und reliefartigen Strukturen: Durch eine Schicht aus Sand und Binder legt er die häufig in Rottönen gehaltene Untermalung frei, in die bisweilen noch weitere Materialien und Papiercollagen integriert wurden. Es entstehen Bildkürzel wie die angedeuteten Briefumschläge in "Letters From Home'' oder wie der Schiffsrumpf in "Mein Boot''. Die Kratzspuren wirken dabei mal wie primitive Höhlenmalereien, mal wie geheimnisvolle Chiffren.  Aus jedem Blickwinkel entdeckt man neue Seiten an den Arbeiten die poetisch wirken und voller Tiefgang.

Wo Neupers Arbeiten zurückhaltend und bisweilen meditativ sind, zeigen sich die Materialbilder des Österreichers Georg Brandner dagegen explosiv und extrovertiert. Unter Einbeziehung von Fremdmaterialien und Wellpappe schafft er einen gespachtelten Untergrund für seine wohl balancierten und pointenreichen Kompositionen, die er noch durch grafische Elemente und gespritzte Strukturen ergänzt. Doch fehlen den Bildern im direkten Vergleich die konzeptionelle Tiefe und thematische Vielfalt seines Künstlerkollegen.

Auch die beiden ausstellenden Kunsthandwerker ließen es so richtig knallen: Wilde Blüten schlägt etwa die Filzwut der Dresdnerin Tatjana Yvonne Seehof, die in ihrem Korntaler Atelier auch Kurse in dieser neu entdeckten Technik gibt. Sie zeigte Handtaschen, gefilzt aus australischer Merinowolle, auf der jahreszeitgemäß ganze Blumenrabatten blühten oder auch die eine oder andere dreidimensionale Knospe spross. Geht es nach der Textilkünstlerin, ringeln sich die flauschigen Blüten aber auch um Frauenfinger - als poppige oder grazile Ringe. Auch zwei Skulpturen präsentierte Tatjana Yvonne Seehof bei dieser Werkschau in der Lahrensmühle, wie den riesenhaften "Kopf'' aus Birnenholz, der die Struktur des Baumstumpfes geschickt einbezieht.

Ungewöhnlich sind die Materialien, die Eingang in die Schmuckstücke von Axel Werner fanden. Neben seinen frühen Werkstücken, edlen Tabakpfeifen aus Wurzelholz, zeigte der Stuttgarter Schmuckdesigner Anhänger aus tiefschwarzem Ebenholz, in das Intarsien aus Bein eingelegt wurden. Auffallend waren die ungewöhnlichen Kombinationen, die gewachsenes Material wie Holz, Horn und Bein mit schimmerndem Neusilber oder besonders schön geformten Kieselsteinen verbanden. Im Zusammenspiel entstanden daraus Schmuckstücke, die die anderen Exponate dieser Kunstausstellung reizvoll ergänzten.


Montag - 31. Mai 2004

“Verlier nicht den Kopf aus Liebe”

Ein liebevoll böses, braves und brutales Liebesprogramm mit Luise Wunderlich.

"sie lebte zwischen frühstück und dem nachtmahl im elternhaus dahin, wie sichs gehört, da trat ein mensch rasch in ihr stilles leben, hat sie von traum und nachtmahl aufgestört!

"verlier nicht den kopf aus liebe
kopflos zu sein ist nicht gut,
denk an den häuslichen frieden
und an dein junges blut!"
(G. Rühm)

Und wie geht es weiter mit der Liebe? Die Antwort ist grausam, wunderbar, alles nimmt ein schreckliches Ende, sie schlagen, sie erschlagen einander, sie lieben sich so sehr, das Glück will schier kein Ende nehmen, die Eifersucht zerstört alles, die Liebe war nur Illusion, alles aufgefressen vom Alltag, und so weiter und so fort.

Das alles und noch mehr hat Luise Wunderlich in einem gut einstündigen Programm zusammengepackt. Die Texte lieferten ihr dafür so unterschiedliche Autoren wie Else Lasker-Schüler, Wolf Wondratschek, Ingeborg Bachmann, Dario Fo, Pablo Neruda, Elfriede Jelinek, Georg Kreisler ... .  Namen wie H.C. Artmann oder Rühm sorgen für die speziell wienerische Garnierung und obendrein gibt es noch ein paar Chansons und Schlager zu hören - bittersüß bis brachial.
Für die schmissigen Arrangements sorgte die Stuttgarter Pianistin Juliane Kamp.

Veranstalter: Warmbronn



Zwei Liebende wie alte Autos

von Guntram Zürn (Leonberger Kreiszeitung 02.06.2004)

LEONBERG – "Liebling, warum hast du mich ausgelacht? Da hab ich dich halt umgebracht.'' Liebesfreud und Liebesleid behandelte die Schauspielerin und Chanteuse Luise Wunderlich in ihrem Literaturkabarett am Montagabend in der Abschlussveranstaltung des "Kulturpfingsten'' in der Lahrensmühle. Geladen hatte die Christian-Wagner-Gesellschaft.


In wenigen Momenten vermag die Kabarettistin eine ganze Tonleiter von Empfindungen auszudrücken. Sie wechselt nicht nur den Sprachgestus ohne Zäsur. Ihre Mimik wandelt sich genauso rasch von liebestoller Begeisterung in kalte Wut. Es ist, als würde sich Luise Wunderlich authentische Masken über das Gesicht streifen.

So zieht sich eine abgeklärte Grundstimmung durch. Auf dem Rennrad naht der Liebesmagier. Hingebungsvoll rezitiert Luise Wunderlich Sarah Kirschs "Don Juan kommt am Vormittag''. Sein Schal flattert im Wind. Doch warum am Vormittag und nicht bei Mondenschein? Was sollen die künstlich piependen Metallvögelchen, die er aufstellt?

Luise Wunderlich bereitet dem Publikum vor allem in wienerischem Dialekt einige Sternstunden. Die Lieder und Texte von Gerhard Rühm und Hans Carl Artmann aus der "Wiener Gruppe'' und natürlich Georg Kreisler bringt sie mit erfrischendem Verve. Halb bedächtig, halb Femme fatale schlingt sie mit Feuer die rote Boa um den Hals und bekennt im Sprachgestus der großstädtischen Lebedame "Ich hab dich zu vergessen vergessen''. In steter Feuergefahr schwebt das beschauliche, schön restaurierte Mühlengemäuer.

Burschikos wirkt sie als Stubenmädchen Lisi. Mit kurzer Schürze, an der sie verträumt spielt, schafft sie einen Kontrast zu der schimpfenden Person, die just von einem Elektriker verlassen wurde. Erst zum Schluss löst sie diesen Effekt in fast wieherndem Weinen der verlassenen Schönen. Für die Liebende ist im liebevoll zusammengestellten Programm später noch Platz.

Neben Ingeborg Bachmann und Else Lasker-Schüler findet auch Christa Reinig ihren Platz im Programm. Durch ihr fein abgestimmtes Sprechen belebt Luise Wunderlich deren treffende, unprätentiöse Metaphorik. Aufeinander abgefahren liegen die Liebenden wie alte Autos auf dem Autofriedhof.

Die Loreley nimmt Luise Wunderlich mit gröberem Schrot aufs Korn. Von der Pianistin Iris Kuhn in einer kunstvollen Persiflage mit eindringlichem Ernst der Akkorde und rasanten, nicht enden wollenden Läufen vorbereitet, stürmt die Kabarettistin in groteskem Aufzug und mit Hornbrille als bayrischer Bauerntrampel auf die Bühne. Aus dem "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten'' macht sie ein lustig-bodenständiges Mundartstück. Bei diesem übersteigerten Auftritt zeigt sich eine Schwäche der Darstellerin. Manchmal agiert sie zu affektbetont.

Bittersüss bis brachial be- und entzaubert Luise Wunderlich verschiedenste Seins- und Seelenzustände Liebender. Mit schmachtendem Blick richtet die Verliebte die liebestrunkenen Augen sinnenschwer auf ein Porträt. Langsam schlägt sie die Lider auf: "Er liebt die Greta Garbo.'' Seinen Schatz mit Millionen zu teilen, das ist Starkult. Max Frischs Text mischt diese frühe Form der Zelluloidverehrung herrlich auf. Ihre Schlafzimmerstimme macht diesen Text zum Lacher. Bravourös.