Startseite Veranstaltungen im Rückblick "Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2007

"Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2007

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Samstag - 26. Mai

"Die schlimme Greth in der Lahrensmühle"

oder romantisches und mechanisches Theater eben da

Egal ob Wasser oder Windmühlen, ihnen und den Orten, an denen sie stehen wie auch den Menschen, die sie betreiben, haftet etwas Geheimnisvolles, oft Unheimliches an.

Glaubt man dem Volksmund, aber auch der Literatur, tummeln sich dort Windsbräute, Nixen, Wassermänner und Hexen, Zwerge, Riesen und Gespenster. Alles die Fantasie beflügelnde Wesen, wovon nicht nur die schreibende Zunft, sondern auch die Malenden und Komponierenden profitieren.

Auch mancher Puppenspieler besann sich darauf, dass seine Vorfahren nicht nur der geächteten, fahrenden Zunft angehörten, sondern auch Mechaniker und Ingenieure waren, die an den höfischen Opernhäusern großes Ansehen genossen, indem sie kunstvolle mechanische Objekte schufen. All dies ging Adelheid Kreisz durch den Kopf, als sie vor einiger Zeit in der Lahrensmühle die noch funktionierenden Mahlwerke und Transmissionsbänder anlaufen, dann voll dröhnen und sich bewegen hörte und spürte.

Mit Schattenbildern, Liedern und Musik von H.Wolf und F. Mendelssohn wollen Saskia Kreuser (Sopran), Andreas Scheer (Kontrabass) und Adelheid Kreisz (Schattenspiel) versuchen, etwas von dem Zauber in Mörikes Schlimmer Greth sichtbar, hörbar, ja vielleicht sogar spürbar zu machen.

Veranstalter Leonberg



Ein Königssohn gefangen im Kartoffelnetz

von Gabriele Müller (Leonberger Kreiszeitung 29.05.2007)

Leonberg. Gruselig ist es am Samstagabend, als das Mahlwerk die Mauern der Lahrensmühle erschüttert und in gespenstischem Licht Mendelssohns Hexenlied erklingt. Das ist der Höhepunkt der ungewöhnlichen Inszenierung von Eduard Mörikes "Schlimmer Greth".

Sopranistin Saskia Kreuser erweckt die Ballade an diesem Abend zuerst nur akustisch zum Leben, indem sie die Verse des deutschen Dichters sprechend in den Raum stellt. Zu sehen ist sie dabei nicht. Wie aus dem Nichts erklingt ihre Stimme, deren Ursprung man hinter den Latten des Lastenaufzugs eher ahnt als sieht. Erst danach setzt sie mit Kontrabassist Andreas Scheer und Schattenspielerin Adelheid Kreisz die Fantasie der faszinierten Besucher weiter in Bewegung.

Die Idee zu dem aussergewöhnlichen und poetischen Spektaktel ist Adelheid Kreisz im vergangenen Jahr gekommen, als sie die ungeheure Wirkung des arbeitenden Mahlwerks vor Ort erlebt hat. Doch bis sich am Samstagabend die Eingeweide der Mühle beim schauerlichen Höhepunkt in Bewegung setzen, durchlebt das Publikum eine fantastische Reise in eine Welt jenseits der Realität. Was sich auf der kleinen Leinwand hinter den Schütten abspielt, besitzt die Ästhetik liebevoll illustrierter Kinderbücher und die Intensität professionellen Puppentheaters. Es ist nicht einfach nur ein Spiel mit Schattenrissen, mit welchem das Trio sein Publikum gefangen nimmt. Adelheid Kreisz, die an der Stuttgarter Kunstakademie bei Professor Christoff Schellenberger Figurbau und -spiel gelernt hat, führt ihre mit Gelenken ausgestatteten Puppen und Kulissen an Stäben, die man zwar wahrnimmt, aber nicht wirklich sieht. Gefertigt sind sie fast alle aus fester Folie, die mit transparenter Tusche koloriert ist oder, wie die schlimme Greth, einen Hauch von Nylonstrumpf als Andeutung eines Gewandes tragen. Bewegte Schattenrisse in Farbe!

Unglaublich schön ist die Wirkung des Waldes, in dem der Königssohn der rätselhaften Schönen begegnet: In verschiedenen durchscheinenden Grüntönen ranken sich Äste und Blätter. Und weil ganz bewusst auf realistische Grössenverhältnisse verzichtet wird, taucht man unwillkürlich und bereitwillig ein in diese Zauberwelt, in der ganz eigene Gesetze gelten. Weil die Geschichte schon bekannt ist, bleibt mehr Raum für Andeutungen. Saskia Kreuser singt Lieder von Hugo Wolf, schliesslich das Hexenlied von Mendelssohn. Dazwischen improvisiert Scheer am Kontrabass und verwendet ihn dabei nur selten schulmässig. Trocken kratzt er die Saiten zum Spriessen des Waldes, Bassostinati summen, als der junge Mann der schwarz gelockten Verführerin ins Netz geht – Kreisz zeigt diese Metapher ganz gegenständlich, indem der Figur ein Kartoffelnetz übergestülpt wird. Süsse Arpeggien erklingen, als der Jüngling nach seinem Ausflug ins Dorf zurückkehrt; Bluesharmonien, als sich seine blauen Kulleraugen und ihr brauner Katzenblick treffen und er ihr gesteht, was er bei den Menschen über sie gehört hat. Bedrohlich vibriert der Orgelton, als sie ihn - gekränkt - schliesslich in den Tod stürzt.

Es ist nicht einfach ein Film, den die Puppenspielerin ablaufen lässt. Einmal agiert ein übergrosser Kussmund quasi stellvertretend, dann wieder drehen sich vier ehemalige Liebhaber der Verführerin wie Speichen im Rad. Am Schluss rotieren gar rote Teufel in ähnlicher Manier. Berauschend schön in der Schrecklichkeit des Geschehens sind die blauen Meeresfluten und das Höllenfeuer, die Kreisz zum Schluss hinter der Leinwand aufsteigen lässt. Da erst zeigt sich Kreusers Gesicht in gespenstischem Licht. Viel Applaus gab’s, und zum Ausklang noch Musik von dieser Welt mit Andreas Scheer und Flötistin Els Jordaen vor der Türe.


Sonntag - 27. Mai 2007

"I möcht' so gern a Maultasch sei"

Christof Altmann befasst sich in seinem Programm nicht nur mit den Dingen, die dem Schwaben Leib und Seele zusammenhalten: Hörnle, "frisch briade Schengawurscht" oder Linsen mit Spätzle. In seinen An- und Einsichten in das schwäbische Leben lässt er uns beispielsweise einen Blick auf "meine Riviera", den Neckar werfen. Das alles geschieht mit einer gelungenen Mischung aus Musik, Unterhaltung, Anekdoten und Humor. Herausragend beispielsweise ist seine Musikalität,

die er mit den unterschiedlichsten Instrumenten, wie E-Piano, Gitarre, Akkordeon, Mundharmonika unter Beweis stellt. Seine rauchige, rauhe Stimme setzt er je nach Anlass mal laut und fröhlich, mal leise und nachdenklich ein. Mit Mimik und Gestik unterstreicht er ausdrucksvoll seine Texte. Seine Songs verbreiten Soul und Groove, sie swingen mit Lautmalerei und Scatgesang. Wie sagte ein Kritiker doch so treffend: "Jeder, der diesen wundervollen Abend versäumt hat, tut mir in der Seele leid."

Veranstalter Leonberg



Der “Goschehobel” heult leise

von Susanne Müller-Baji (Leonberger Kreiszeitung 29.05.2007)

Leonberg. Zum schwäbischen Kosmos gehört die "Maultasch": Man "schlotzt Viertele" und "schafft wia d’Sau". Als Christof Altmann am Sonntag in der Lahrensmühle über die Schwaben singt, erklingt ausserdem ein fast echter Südstaatenblues und der "Goschehobel" heult leise.

Christof Altmann beweist es einmal mehr: Die Maultasche ist nicht nur eine Speise, sie ist eine Weltanschauung. Und die besingt er mit viel Blues und "oh babe, yeah", dabei ist der Auftritt bei Kulturpfingsten fast eine Rückkehr in die eigene Kindheit. Einige Meter weiter habe er einst an der Glems gespielt, eröffnet er sein Programm launig – nun sei er endlich nach Leonberg heimgekehrt. Leider nur fast, denn er hätte feststellen müssen: “Mir send ja en Eltinge!”

Der Blues jault allerdings auch hier, der "Goschehobel", sprich Mundharmonika, wimmert, als stamme er aus "Trossingen/Alabama". Und zur Freude des eng zusammengerückten Publikums ist auch ein gerüttelt Mass an Rei’geschmeckten darunter. Altmanns Schwäbisch ohne seine hoch differenzierten Übersetzungen ins Hochschwäbische und Hochdeutsche wäre schliesslich nur der halbe Spass. So wird aus "der hot net guad do" zunächst ein ebenso unverständliches "der war net häbich", bis "der hat sich nicht einfügen könnnen" den Sachverhalt aufhellt.

Vielerlei wird an diesem Abend deutlich: Dass die Schwaben sehr viel französischer sind als man gemeinhin annimmt. Wo kämen sonst Ausdrücke wie "Trottwar", "Bagage" und "Paraplui" her, sinniert der Wahl-Weilimdorfer. Dass die Maultasche, einst Leibspeise im Maulbronner Klosterrefektorium, einen Siegeszug bis weit über das Ländle hinaus angetreten hat, liegt laut Altmann auf der Hand, was sonst seien die italienischen Ravioli und die chinesischen Wan Tan.

Endgültig international wird der Abend in der Lahrensmühle, als Altmann die schwäbischen Wurzeln des Südstaatenblues aufdeckt. Der, so lautete seine atemberaubende Theorie, sei aus der Weise "Auf’m Wase graset Hase" hervorgegangen, die ein unglücklich verliebter Schwabe in die neue Welt getragen habe. Dort sei es am Ufer des Missisippi zu einer Verschmelzung der schwarz-amerikanischen und der schwäbischen Musikkultur gekommen. An sich nahe liegend.

Auch sonst ist der Abend angefüllt von Ganzkörper-Trommeln und Rührer-Musik. Dazu kommen kehlige Blues-Seufzer im Stile von Altmeister Louis Armstrong und die tieftraurigen, urkomischen Geschichten, die die Glems mit sich stromabwärts trägt: von der Führerscheinprüfung 1972, als die "Gegenverkehrsfrequenz auf Friolze zu" noch bei 0,78 Fahrzeugen in der Stunde gelegen habe, und später die verregneten Urlaube im VW-Bus. Also der Stoff, aus dem die Roadsongs sind, "bis dass der Tüv euch scheidet".


Sonntag / Montag - 27./28. Mai 2007

5 Künstlerinnen stellten aus

Der Mensch ist das Thema von Brigitte Anders. Ihr Schaffen bewegt sich fast ausschliesslich um dieses Motiv. So entstehen von sicherer Hand geformte Bronzefiguren mit linearer Klarheit. Sie arbeitet ohne verwirrende Verfremdungen und Entstellungen, sondern belässt den Menschen in seiner anatomischen Richtigkeit. Aus Eindrücken, Beobachtungen, Auseinandersetzungen und auch subjektiven Beziehungen formt sie Körper, sparsam verdichtet und in ihrer Dimension treffend und bestimmt.

Bevor sie sich mit der Malerei befasste, durchlief Irene Heieck eine Ausbildung als Dekorateurin. Ihre Bilder vermitteln südliche Impressionen, nicht zuletzt, da die Tochter einer französischen Mutter und eines italienischen Vaters aus dem Tessin stammt. Ihre in kräftigen Farben geprägten Aquarelle führen den Betrachter an Orte, die Interpretationen in Anlehnung an persönliche Erinnerungen der Künstlerin sind.

Susanne Hindemith ist eine vielseitige bildende Künstlerin. Als Einstieg wählte sie Aquarelle, um sich dann in verschiedenen Mal- und Zeichentechniken weiterzubilden. Selbst das Handwerk des Schweißens hat sie erlernt, um sich künstlerisch damit ausdrücken zu können. Ihre meist in kräftigen Farben gehaltenen Bilder entstanden in unterschiedlichen Techniken gepaart mit interessanten Materialmischungen.

Ortrun Kollmann setzt sich in ihrer Sonderausstellung “MA(H)LWERK” künstlerisch mit dem Geschehen in der Mühle und den dort verarbeiteten Produkten auseinander. Gemeinsam mit dem Peter-Lehel-Quartett und Dr. Felix Muhle entsteht eine mechanisch-musikalisch-künstlerische Aktion. Durch das Hörbarmachen der mechanischen Vorgänge wird eine Verbindung mit den künstlerischen Objekten und den darin verarbeiteten Naturmaterialien hergestellt, siehe nachfolgenden Zeitungsartikel vom 30.05.2007.

Schmuck als Objekt von Branca Weldin. Kreativität ist fortlaufende Entwicklung neuer Ideen. Ihre Schmuckobjekte sind die Erfüllung einer Vollkommenheit in Stil und Design. Sie präsentieren sich als künstlerisch geformte Einzelobjekte mit dem Wunsch, die Schönheit der Form zu besitzen.




Ein Spielplatz von Formen, Farben und Experimentellem

von Susanne Müller-Baji (Leonberger Kreiszeitung 29.05.2007)

Leonberg. Das alte Gebälk hat schon allerlei erlebt. Einmal im Jahr verwandelt es sich allerdings zu einem Spielplatz für Kunst und Kunsthandwerk. Beim diesjährigen Kulturpfingsten gibt es Materialbilder, Farbspiele, Plastiken und Experimentalschmuck zu entdecken.

Die Gegensätze könnten kaum grösser sein: Mediterrane Landschaften von Irene Heieck, leuchtende Mischkompositionen von Susanne Hindemith, bodenständige Bronzen von Brigitte Anders und üppiger Halsschmuck von Branca Weldin lassen die alte Scheune zum Spielplatz von Formen, Farben und Impressionen werden. Und einige Meter weiter, in der Mühle selbst, strahlen die Materialexperimente von Ortrun Kollmann den monochromen Charme verblichener alter Fotografien aus. Die Warmbronnerin hat zermahlene Getreide und Hülsenfrüchte auf Malgründe gebunden und dadurch Arbeiten als Brücke zwischen Kunst und funktionalem Ort erschaffen.

Geradezu vielfarbig leuchtet es dagegen einige Meter weiter, in der Scheune der Lahrensmühle: Gleich am Tor warten die Aquarelle von Irene Heieck mit warmen Farbklängen auf Betrachter. Die heute in Gerlingen ansässige Malerin stammt aus dem Tessin und scheint auch in ihren leicht dahingehauchten Gemälden ein Stück der südländischen Leichtigkeit ihrer Heimat festzuhalten: Mehrfach gibt es hier winzige Balkone über engen Gassen zu entdecken, frühlingshafte Obsthaine und immer wieder die verwitterte Grandezza Venedigs. Wie die Malerin erläutert, handelt es sich dabei übrigens nicht um originale Stadtansichten. "Viele der Bilder sind aus dem Gedächtnis gemalt, ich habe in ihnen meine Eindrücke übersetzt", sagt sie.

Ein federleichtes Spiel mit der Erinnerung treiben auch die Gemälde von Susanne Hindemith, selbst wenn sie mit ihren leuchtenden Rot- und Gelbtönen so grundsätzlich anders wirken. Auch sie schlagen im Betrachter die Saiten an, die vergessen geglaubte Orte und Situationen wieder vor dem inneren Auge erstehen lassen. Bestes Beispiel: das Gemälde "Marcels Garten". Dieser hat vor einigen Jahren die Leonberger Künstlerin und eine befreundete Malergruppe beim Arbeitsaufenthalt in Frankreich inspiriert. Auch wer nicht mit dabei gewesen ist, kann in den Farbflächen noch das warme Licht der Provence, überreife Granatäpfel und verwitterte Steinmauern entdecken.

Kontrapunktiert werden die Gemälde bei der zweitägigen Ausstellung von agilen Bronzen der Leonberger Plastikerin Brigitte Anders (siehe separaten Bericht im Anschluss).

Ein Publikumsmagnet sind auch die experimentellen Schmuckstücke von Branca Weldin. Sie lassen in ihrem Volumen erahnen, dass sich die Wahl-Gerlingerin einst mit Bildhauerei und Keramik auseinander gesetzt hat: "Aber ich komme immer an einen Punkt, wo es nicht mehr weitergeht, und dann muss ich etwas anderes machen." Jetzt lässt sie aus alten böhmischen Glasperlen, Zuchtperlen, Korallen, Halbedelsteinen und Silberdrahtgespinsten vielfarbige und anspielungsreiche Halsketten entstehen.



Das Leben ist der Quell ihrer Schaffenskraft

von Martina Zick (Leonberger Kreiszeitung 25.05.2007)

Leonberg. Der Torso "Amazone" ist Brigitte Anders’ Markenzeichen. Passend für eine Künstlerin, die von sich sagt, dass sich in ihrer Kunst ihr Leben "als Frau, Mutter, Geliebte" spiegelt.

Viel Neues will Brigitte Anders, die am Pfingstsonntag ihren 82. Geburtstag feiert, nicht mehr schaffen. Die bislang letzte Figur, die “Seherin”, ist drei Jahre alt. Und eigentlich wollte sie auch nicht mehr ausstellen. Doch jetzt macht sie eine Ausnahme und beteiligt sich zusammen mit vier anderen Künstlerinnen am Kulturpfingsten in der Lahrensmühle. Es ist ihr Leben, aus dem die Leonberger Künstlerin ihre schöpferische Kraft und ihre Themen gewinnt: die Schwangerschaft, zwischenmenschliche Beziehungen, die Angst vor der ersten Ausstellung, die Flöte spielenden Kinder, der Weggang des erwachsenen Sohnes, an den sich die Mutter ganz bildlich klammert. Und so wird der Gang durch ihr Haus und ihr Atelier zu einem Gang durch ihr Leben. Dabei ist es fast immer die aufs Wesentliche reduzierte menschliche Figur, mit deren Hilfe sie ihre Biografie plastisch ausdrückt, mal allein, mal in kleinen Gruppen, häufig als Paar.

Brigitte Anders greift ihre tägliche Erfahrungswelt auf. "Die weibliche Figur kenne ich aus meinem engsten Lebensumfeld. Mehr habe ich nicht gebraucht", hat sie einmal erklärt. Freimütig räumt sie ein, dass es ihr deshalb schwer fällt, Arbeiten zu schaffen, in denen sich auch Männer wiederfinden. Dennoch sind auch ihre männlichen Figuren von starker emotionaler Präsenz. Angst, Unbeschwertheit, innere Einkehr, Stolz oder auch Schmerz teilen sich mit. "Ich arbeite sehr aus dem Bauch heraus" erklärt die Künstlerin, wie sie Empfindungen in Plastizität überträgt. Dabei geht sie mit viel Einfühlungsvermögen zu Werke. Ihre Plastiken zeigen, dass vermeintlich altmodische figürliche Arbeiten nicht im Abbild verharren müssen. Vielmehr wird das Äussere zum Spiegel des Inneren. Bei Bedarf werden die Körper verdichtet oder auch torsiert, ohne dabei ihre Menschlichkeit zu verlieren.

Anmut und Klarheit prägen Brigitte Anders’ Arbeiten: weiche Formlinien, wie sie sich etwa bei Ernst Barlach oder Henry Moore finden, bestimmen und begrenzen die Plastiken. Die Schule der klassischen Moderne ist unübersehbar. Als "halbklassische Figuren" charakterisiert die Künstlerin mit der jugendlichen Frische und den wachen Augen ihre Arbeiten denn auch. Und aus allen spricht Menschlichkeit in all ihren Facetten, die Zuneigung zum Menschen. Doch Sentimentalität oder Pathos sind ihren Arbeiten fremd. Vielmehr sind sie von schlichter Natürlichkeit, es haftet ihnen nichts Angestrengtes an, sie sind nie schockierend, auch nicht, wenn die Künstlerin dunkle Lebensmomente oder den Schmerz thematisiert.

Grundsätzlich aber ist Brigitte Anders eine optimistische Frau, die mit beiden Beinen auf der Erde steht. Dass sie auch humorvoll ist und die Fähigkeit zur Ironie besitzt, zeigt sich in Figuren wie die "Bridgespielerin", deren Gebaren sie - selbst eine Freundin des englischen Kartenspiels – aufs Korn nimmt. "Ich bin keine weise alte Frau", sagt die bald 82-jährige mit frischem Lachen.

Geboren ist Brigitte Anders in Westfalen, aufgewachsen in Meissen. Vielleicht, so sagt sie, stammt aus jener Zeit ihre Beziehung zum Ton. Jedenfalls plastizierte sie schon als Schülerin. Dem Material ist sie treu geblieben, während ihres Kunststudiums in Stuttgart – wohin sie 23-jährig nach dem Krieg kam – und danach. "Ton ist mein Material", sagt die Künstlerin. Das Leben, das sie ihm in zahllosen Arbeiten eingehaucht hat, wohnt auch in den fertigen Werken aus Bronze, Hartstuck, Kaltbronze oder Steinguss inne. Doch ob Kaltbronze, bei der Bronzepulver mit Polyester oder Epoxidharz gebunden wird, oder der mit einer Bronzepatina versehene Hartstuck: Mit dem Auge sind diese Werke vom teureren Bronzeguss kaum zu unterscheiden. Den optischen Schwindel nimmt Anders in Kauf. Wenngleich sie eigentlich ihre Plastiken für Bronze modelliert, geht es der Bildhauerin, anders als vielen jüngeren Künstlern, weniger um die Ehrlichkeit des Materials. Ihr Augenmerk gilt in erster Linie der Stimmigkeit und dem Ausdruck der Figuren. Und dieser Ausdruck ist zeitlos.


Montag - 28. Mai 2007

"Peter Lehel Quartett"

Das seit vielen Jahren regelmässig zusammenarbeitende Quartett Peter Lehel (Saxophone, Bassklarinette, Komposition), Ull Möck (Piano), Mini Schulz (Kontrabass), Dieter Schumacher (Drums) hat sich dem Klangideal der grossen Jazzquartette des modern Jazz verpflichtet. Neben den Originalkompositionen Lehels vereint die Formation immer wieder Standards der Jazzhistorie, aber auch Elemente aus der Folklore (beispielsweise Ungarn, Korea etc.) und der europäischen Klassik.

Lehel's Kreativität in Bezug auf die Verbindung von Jazz mit Formen und Elementen aus Klassik und Folklore war die Grundlege für die Auszeichnung mit dem Jazzpreis Baden-Württemberg 1997 und mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik 2000.

Veranstalter: Warmbronn



Eine ebenso lässige wie sprühende Formation

von Gabriele Müller (Leonberger Kreiszeitung 30.05.2007)

alt

Leonberg. Draussen vor der Lahrensmühle kann es am Pfingstmontag regnen, wie es will. Drin scheint die Sonne, optisch und akustisch, solange die Gemälde von Ortrun Kollmann zu sehen sind und das Peter Lehel Quartett Musik macht.

Nicht alle, die beim Jazzkonzert zum Abschluss des Kulturpfingstens in der Lahrensmühle am frühen Montagabend dabei sein möchten, können das – so gross ist der Andrang. Karl Kollmann, der Vorsitzende der veranstaltenden Christian-Wagner-Gesellschaft, führt dies auf die Qualität und das sympathische Wesen der vier Musiker zurück: "Kein Wunder, dass die Mühle aus allen Nähten platzt," freut er sich. Schon am Nachmittag haben die Musiker eine erste Kostprobe ihres Könnens gegeben: Zusammen mit dem Mahlwerk der Mühle als fünftem Instrument haben sie im Zusammenklang mit den Werken von Ortrun Kollmann agiert, welche zugleich gemalt und gemahlen hat.

Die Farbigkeit der Bilder rührt von den Körnern her, die die Künstlerin vermahlen und mit Acrylbinder zur malfähigen Substanz verarbeitet hat. Die Naturtöne, die vom Anthrazit des Wildreises über Orange- und Gelbtöne von Linsen über Erbsengrün bis hin zum reinen Reisweiss reichen, setzt sie sowohl für malerische Motive als auch für geometrische Kompositionen ein. In Fotoprint-Technik sind flüchtige Lichtreflexe im Räderwerk verfremdet festgehalten. Diese mächtige Mechanik setzt sich am Montagnachmittag gewaltig in Bewegung. Ein grosser Teil des Mahlwerks liegt unter dem Dielenboden, und so vibriert der gesamte Raum, als Peter Lehel, Ull Möck, Mini Schulz und Dieter Schumacher dazukommen, mit Percussioninstrumenten den Rhythmus aufnehmen und mit ihren eigenen Instrumenten weiter Varianten spinnen: Peter Lehel am Saxophon, Ull Möck am Klavier, Mini Schulz am Kontrabass und Dieter Schumacher am Drumset.

Wer zwei Stunden später einen Stuhl oder einen Stehplatz ergattert hat, kann der Musik des seit mehr als zehn Jahren in dieser Besetzung spielenden Quartetts in Ruhe lauschen. Jedes Stück hat, trotz der unverkennbaren musikalischen Handschrift, einen anderen Grundcharakter. Der Klang des Ensembles ist durchweg von brillanter Transparenz, voll pulsierender Kraft und Lebendigkeit. Lässig beginnen die vier ihr Programm mit dem Swing-Titel "Midnight Voyage", geschmeidig und etwas glamourös zugleich. Das eingängige Thema aus dem Beatles-Song "Norwegian Wood" erkennt man beim zweiten Titel zunächst deutlich, dann treiben Bass und Schlagzeug den Bop voran, das Piano setzt gegenläufige Akzente, und darüber fabuliert das Saxofon. Ganz anders der "Papa Groove", der mit naturgemäss mystischer Atmosphäre beginnt und immer wieder durch dasselbe markante, in vier Schritten abwärts steigende Motiv im Klavier strukturiert wird.

Eine Besonderheit im Repertoire des Quartetts sind Titel wie der "Husarenritt" oder der "Joska Csârdás". Sie verdanken ihre Entstehung der Vorliebe des Landespreisträgers Peter Lehel für ungarische Musik und reissen durch ihr Temperament das Publikum besonders mit. Ungestüm prescht der Bassostinato beim "Husarenritt" voran, und als Schulz mit der flachen Hand auf die Saiten schlägt, klingt das wirklich wie die donnernden Hufe von Pferden in gestrecktem Galopp. Die positive Grundstimmung, die das Quartett ausstrahlt, macht sogar aus "A kind of Blues" ein Stück Musik, das sich so warm und behaglich anfühlt die ein gemütliches Kaminfeuer. Sanft und verträumt wie ein Sommermorgen leuchtet die Ballade "Every breath I take", bei der sich die Stimmen richtig seelenvoll miteinander verknüpfen.

Der Facettenreichtum des Quartetts erweitert sich noch bei den Zugaben: Weil Koreaner unter den Zuhörern sind, spielen die Musiker spontan "Five in a row", ein so genanntes Arirang, wie man ein Volkslied in Korea nennt - dort spielt Lehel mit Schulz immer wieder in der Formation "Saltacello". Ein bischen unwirklich ist die von östlichen Harmonien gefärbte Grundstimmung, über der erregt Saxofon und Klavier agieren. In der Interpretation des Peter Lehel Quartetts klingt zum Schluss sogar jener Song optimistisch, der angeblich in den Jahren seiner Entstehung ob seiner Melancholie Menschen in den Selbstmord getrieben haben soll: "Gloomy Sunday". Trotz dunkler Wolken hat man danach nur heitere Menschen die Lahrensmühle verlassen sehen.