"Internationaler Tag des offenen Denkmals" 2007

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Sonntag - 9. September

“Mühle und Wasseranlage”

Glemsöffnung, Glemsverdolung, Wasserrad, Wasseranlage und Mühlentechnik - das waren die Themen, die Ralf Spicker, Technikhistoriker am Deutschen Museum in München, seinen interessierten Zuhörern nahe brachte. Das Thema ist so aktuell wie nie, denn gerade jetzt wird die 1967 erbaute, mittlerweile sanierungsbedürftige Glemsdole zwischen Lahrensmühle und Gartenstadt wieder freigelegt, teilweise geöffnet und überarbeitet.

Mühlenbauer Robert Vetter zeigte das Schleifen eines Mahlsteins. Als Anschauungsmaterial hatte er noch Modelle von Mühlrädern und eine komplett eingerichtete Mühle im Massstab etwa 1:20 ausgestellt.

Das Thema "Wiederbelebung des zugeschütteten Mühlkanals" ist ebenfalls brandaktuell - zumal sich ein Mühlkanal ideal als Ausgleichsmassnahme für verbrauchte Flächen im Strassenbau eignet.

In kleinen Schritten geht auch die Rekonstruktion des Wasserrads voran, das sich aus einem Spendenkonto finanziert. Mittlerweile ist eine kraftschlüssige Verbindung von der Mühlradwelle zum Mahlwerk hergestellt und das Rad dreht sich in einer neuen Lagerung.



"Mühlenmärchen"

In seinem langen Berufsleben hat der Murrhardter Mühlenbauer Eberhard Bohn nicht nur viel Erfahrung im Restaurieren historischer Mühlen gesammelt, sondern - ganz nebenbei - auch Märchen und Mythen bewahrt, die sich um Mühlen ranken.

Anders als heute die Lahrensmühle standen Wassermühlen oft an stillen, geheimnisumwobenen Plätzen in schattigen Tälern und so verwundert es nicht, dass die Phantasie der Menschen in vorindustriellen Zeiten an solchen Orten beflügelt wurde. Märchen und Mythen entstanden. Mit einigen davon hat Eberhard Bohn seine Zuhörer in der Lahrensmühle gefesselt.



Brotbacken im historischen Backofen der Lahrensmühle

Vom Getreide zum Brot braucht es zwei grundsätzlich verschiedene Verarbeitungsstufen: Das Mahlen und das Backen. Was liegt da näher, als neben der Mühle und ihrer historischen Einrichtung auch gleich das Backen von Brot zu zeigen.

Nachdem der Holzbackofen der Lahrensmühle zu neuem Leben erweckt wurde, sollte er natürlich beim Tag des offenen Denkmals wieder in heisser Aktion gezeigt werden. Mit Erika Quast aus Warmbronn hatten wir eine Spezialistin für den Umgang mit dem historischen Gerät gefunden. Dabei zauberte sie nicht nur kleine Köstlichkeiten zum Probieren aus der Ofenhöhle, sondern lieferte auch noch allerlei Erklärungen und Tipps zum Gebrauch des Holzbackofens.



Bewirtung rund um den Apfel

Die Streuobstwiese ist unverzichtbarer Bestandteil des "Mikrokosmos Lahrensmühle". Was früher wichtiger Bestandteil im Speiseplan der Müllersleute war, spendet heute allerlei Köstlichkeiten zum Probieren. Niemand weiss das besser als die Fachwarte vom Landesverband "Obst, Garten und Landschaft", kurz LOGL, welche die Besucher mit Produkten aus eigenem Anbau verwöhnten und natürlich auch über die ökologische Bedeutung der Landschaftspflege informierten. Es gab:
♦ Apfelkuchen und Kaffee
♦ Äpfel und Birnen
♦ Kreisapfelsaft
♦ Apfelchips
und zusätzlich zum Kaufen
♦ Bienenhonig aus der Gegend
♦ feine Obstbrände aus heimischen Früchten


"The Bitter and the Sweet"

Cécile Verny Quartet

vorgestellt von der Warmbronn

Die frankoafrikanische Jazzsängerin Cécile Verny setzt mit ihrem neuen Programm "The Bitter and the Sweet" einen weiteren Meilenstein auf dem Weg, für den ihr Ensemble seit Jahren in ganz Europa bewundert und ausgezeichnet wird. Afrikanische Roots, französische Gesangstradition und unangestrengte jazzige Scatakrobatik vereint Cécile Verny in den rhythmisch pulsierenden Kompositionen ihres Quartetts.

Seit zwei Jahrzehnten flaniert das Cécile Verny Quartet mit traumwandlerischer Sicherheit und einem atemberaubenden Selbstverständnis zwischen filigranen, sparsam instrumentierten Jazzstücken und dynamischen Passagen mit hörbar afrikanischem Einschlag, um im nächsten Moment in grooviges Latin oder eleganten Swing zu wechseln. Ebenso spielerisch pendelt die Sprache zwischen französisch und englisch, auch mitten im Song, wie es eben gerade passt. Trotz der stilistischen Parforceritte klingt alles wie aus einem Guss, was jedem einzelnen der Musiker Andreas Erchinger (Piano), Bernd Heitzler (Bass), Torsten Krill (Drums) zu danken ist - jeder Ton ist gewollt, ohne verkopft zu klingen. Vielmehr atmen die Klänge Freiheit und Spielfreude. Über und in allem scattet, vibriert, lebt die Stimme von Cécile Verny und malt Bilder in die Gehörgänge der Gäste.



Geister und Schränkchen mit Scat und Soul

von Gabriele Müller (Leonberger Kreiszeitung 11.09.2007)

Leonberg. Selbst Stehplätze mit Sichtbehinderung sind am Sonntag in der Lahrensmühle noch begehrt: Um das Cécile Verny Quartet zu hören, haben die Besucher einiges in Kauf genommen. Veranstalter am Tag des offenen Denkmals war die Christian-Wagner-Gesellschaft.

Dass eine Jazzformation Gedichte eines englischen Dichters wie William Blake vertont, der von 1757 bis 1827 lebte, ist aussergewöhnlich. Alles andere als verstaubt oder betulich sind freilich die Songs, welche Sängerin Cécile Verny und ihre Musiker daraus machen: Bassist Bernd Heitzler, mit dem sie seit Gründung der Band vor zwanzig Jahren zusammenarbeitet, Pianist Andreas Erchinger, der seit zehn Jahren dabei ist und den Blake vielfach zu Kompositionen inspiriert – und natürlich Schlagzeuger Thorsten Krill, der an der Jugendmusikschule Leonberg unterrichtet und 2006 Träger des Jazzpreises Baden-Württemberg gewesen ist. Für einige der präsentierten Titel hat er ausserdem die Texte geschrieben.

Spass macht dem Quartett die Musik – das strahlt es in jeder Sekunde aus, und das überträgt sich sofort aufs Publikum. Cécile Verny, an der Elfenbeinküste geboren, in Frankreich aufgewachsen und seit längerem in Deutschland lebend, führt selbstbewusst mit Charme und Witz durch den Abend. "The Bitter and the Sweet" heisst das Programm, das die Musiker nach ihrer neuen CD genannt haben und das sie zum Abschluss des Tages des offenen Denkmals in der Lahrensmühle präsentieren. 2006 bekam das Quartett dafür den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Viele der Titel grooven, wie gleich zu Beginn der "Mad Song", dessen Harmonien von Erchinger stammen und dessen Text – Verse von Blake – Verny mit ihrer wunderbar souligen Stimme mit Leben und Leidenschaft füllt. Dass der zweite Song von Erchinger zu einem anonym verfassten Liebesgedicht aus der Renaissance komponiert wurde, kann man sich kaum vorstellen, so cool entspinnt sich der Bop, so lässig klingt der Scat, dessen Technik die Sängerin meisterlich beherrscht - wie sie an diesem Abend immer wieder beweist. Zeitlos wird da die Liebeserklärung, die vor mehreren hundert Jahren ein Verehrer seiner Liebsten machte.

Vielseitig ist das Ensemble, das dabei stets seinem eigenen Stil treu bleibt. Auch Balladen gehören zum angenehm abwechslungsreichen Repertoire des Quartetts, wie zum Beispiel "The Bitter and the Sweet", zu dem Thorsten Krill den Text geschrieben hat. Als Percussionist entlockt er einer sogenannten Udu, eine Art Vase mit Loch, den weich klingenden Rhythmus. Piano und Bass schmiegen sich sanft daran an, und die Harmonien changieren zwischen Dur und Moll und unterstreichen auf diese Weise die Zwiespältigkeit der Liebe.

Richtig poetisch wird es mit "Petite Armoire", zu dem Verny in ihrer Muttersprache ein Schränkchen schildert, in dem ein Mensch Erinnerungsstücke als Gedächtnisstützen aufbewahrt. Süss und fein schwebt hier ihre Stimme über den leise raschelnden Jazzbesen des Schlagzeugers, und zwischen den Tönen entfaltet sich emotionale, verträumte Stille. Wunderschön ist Heitzlers Bass-Solo, bei dem er sein Instrument umarmt und zum Lauschen sein Ohr an den Resonanzkörper legt. Ruck zuck holt "Face a Face", ein kraftvoller, etwas atemloser und mit Ironie gwürzter Bop, das Publikum zurück in die Realität. Lateinamerikanische Rhythmen und afrikanischer Trommelpuls kommen im zweiten Set hinzu; ein gruseliges, atmosphärisch aufgeladenes Klanggemälde zeichnen sie zum Schluss mit "Two Ghosts", abermals ein Gemeinschaftswerk von Krill und Erchinger. Das Publikum geht trotzdem angstfrei nach Hause: Die Zugabe, der "Cradle Song" noch Worten von William Blake, entlässt alle mit schlichter Zuversicht behutsam in die hereinbrechende Nacht.