"Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2008

Drucken


Samstag - 10. Mai

"Nacht Schatten Gewächse"

Der Traum war eindeutig: Die Begegnung würde in der Bäckerei stattfinden. Und er ? Er hätte wunderschöne Augen. Blaue Augen. Diese Prophezeihung muss wahr werden! Und zwar sofort!

Stefanie Kerker singt von den Dingen, die im Schatten der Nacht ihr Unwesen treiben: von Wünschen, die sich als Väter von bösen Gedanken outen, von Zweifeln, die sich in Schöner-Wohnen-Welten breit machen und von Anke und Klaus. Die sind sich nämlich noch nie bei Tageslicht begegnet.

"Stefanie Kerker verzaubert ihr Publikum mit ungeheuer feiner Sprache. Wer ihr nicht aufgrund ihrer Wortspiele und Bonmots an den Lippen hängt, den schlägt sie mit ihrer warmen Stimme und ihrem faszinierend wandelbaren Gesicht in Bann." (Marbacher Zeitung)

Am Ende ist klar: wenn man von einem Schornsteinfeger träumt, muss das nicht nur Glück bedeuten. Vielleicht sollte man einfach mal den Kamin putzen. Der Mann mit den blauen Augen jedenfalls bringt keine Rosen. Er bringt Kartoffeln. Und Laugenbrötchen.

Veranstalter  Leonberg



Bergseen und Kartoffeln

von Gabriele Müller (Leonberger Kreiszeitung 13.05.2008)

Leonberg. Stefanie Kerkers Blickwinkel sind originell, ihre Sprache ist itelligent und offenbart auch auf den zweiten Blick Hintergründiges und Witziges. Ihr Programm “Nacht Schatten Gewächse” hat sie am Samstag zum Auftakt der Kulturpfingsten in der Lahrensmühle gezeigt.

Mehr Publikum hätte man ihr gewünscht und auch, dass die Pointen mehr Resonanz hervorrufen – so hätte der Ablauf mehr Schub gehabt und dem erstklassigen Programm jene Leichtigkeit verliehen, die für das Gelingen von Kabarett so unabdingbar ist. Aussergewöhnlich ist die Webart ihrer Texte und Lieder, die sie mit warmer Stimme, öfter jedoch im charmant-koketten Diseusen-Stil vorträgt. Rätsel mag sie. Die Köpfe in der Mühle rauchen, bis sie - nach ausgiebigem Hin- und Herwenden der vieldeutigen Formulierungen - herausfinden, dass die mit Inbrunst von Kerker besungenen Seen weder in den Pyrenäen noch in der Nähe der Andenstadt Machu Picchu liegen, sondern es ein Paar “krass blaue Augen” im Gesicht eines Mannes sind.

Die 36-jährige gebürtige Karlsruherin formuliert Gedankenspielereien, die im Zauber der geschilderten Situation aus einer gewöhnlichen Stubenfliege ein Möwe werden lassen. Platt oder rührselig wird das trotzdem nie, weil sie den romantischen Fantastereien sofort wieder ein freches Wortspiel an die Seite stellt. Die Hirnsynapsen der Zuhörer schlagen Purzelbäume; verklopft ist das Ganze dennoch nicht – nur wunderbar dicht und poetisch gewebt. Dabei spielt sie abermals virtuos mit dem doppelten Sinn mancher Begriffe und jongliert mit ähnlich klingenden Vokabeln, deren Gehalt keineswegs ohne Weiteres zusammengeht.

Ralf Schuon begleitet ihre Songs am E-Piano und liefert an den passenden Stellen trockene Kommentare mit schwäbischem Akzent. Die Lieder klingen mal balladesk, dann wieder jazzig, rockig oder nach Sprechgesang. Plaudernd erstellt Stefanie Kerker ganz nebenbei ein Psychogramm ihres Freundeskreises. Die Zuhörer lernen Anke kennen, die es der von Komplexen und Selbstzweifeln geplagten Stefanie mit ihren Ratschlägen nie recht machen kann: Alles wird von ihr mit eisernem Vorsatz falsch verstanden und ins Negative gewendet - so eben, wie es im wirklichen Leben oft zugeht. Präzise und einfühlsam zeichnet sie das Porträt einer Ehefrau, die auf ihren Mann wartet; hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Wahrung der brüchigen Familienidylle und dem Verdacht, dass er an seinem vierzigsten Geburtstag bei einer anderen Frau ist.

Kein Lied gleicht dem anderen. Jedes hat ein anderes Sujet, ein anderes Strickmuster. Immer wieder nimmt der Spazierweg zwischen den menschlichen Abgründen und entzückenden Luftschlössern überraschende Wendungen. Von Lebenserfahrung zeugt der Titelsong "Nacht Schatten Gewächse", in dem Kerker deutlich sagt, dass sie keine Rosen will, sondern eine Kartoffel - Sinnbild für den Traummann mit Bodenhaftung. Da kommt dann selbst das Leonberger Publikum aus der Reserve. Wenn sie demnächst im Stuttgarter Theaterhaus und in der Rosenau spielt, sei ihr mehr Publikum gewünscht und noch mehr – verdienter – Applaus.


Sonntag - 11. Mai

"MundArt"

"MundArt" ist ein Kulinarstück für einen Schwaben, in dem aber garantiert nicht nur die Liebhaber der schwäbischen Küche auf den Geschmack kommen. Schwäbische Philosophien um das Geniessen, Essen, Trinken, Tafeln und Lachen sorgen dafür, dass der Alltag vergessen wird. Wendelin Weber, alias Thomas Weber, entpuppt sich als meisterlicher Koch und perfekter schwäbischer Gastgeber. Das Publikum sitzt in seiner Bühnenküche und geniesst Wendelins Koch- und Plauderkünste. Auf der Bühne wird gekocht und das Publikum wird dabei mit einer schwäbischen Mahlzeit bewirtet.

Veranstalter  Leonberg



Kässpätzle-Essen als interaktive Dinnershow

von Gabriele Müller (Leonberger Kreiszeitung 13.05.2008)

Leonberg. Formal gesehen gehört Thomas Webers MundArt vielleicht zu den derzeit populären Dinnershows. Inhaltlich gesehen passiert in der ausverkauften Lahrensmühle etwas anderes: Unspektakulär geht es zu – dafür schwäbisch gemütlich. Und das Publikum schafft mit.

Die 64 Menschen, die am Sonntagabend an den langen Tischen im Mühlenraum sitzen, gehören mit zu dem Stück und werden gleich zu Anfang Komplizen von Hebbe, dem Freund der Kunstfigur Wendelin Weber. Der komme nämlich nachher gleich vom G'schäft, verrät Hebbe, als er am Anfang der Vorstellung durch die Reihen hastet und das Publikum in seinen Plan einweiht. Der Wendelin, so erzält er, habe schon immer den Wunsch gehabt, einmal zusammen mit wildfremden Menschen in seiner Küche zu essen.

Die Küche ist auf der kleinen Bühne aufgebaut – und sie funktioniert einwandfrei: Aus dem Boiler kommt Wasser, auf dem Herd kocht das Spätzlewasser, und aus dem Ofenrohr kommen später leckerste Kässpätzle knusprig und heiss.

Bis es allerdings so weit ist, muss Wendelin – alias Thomas Weber – zuerst einmal bemerken, was da in seiner Abwesenheit passiert ist. Als echter Schwabe hat er es damit nicht allzu eilig, und natürlich gibt es schon eine Menge zu lachen, bis er die Situation verstanden und einen Weg gefunden hat, damit umzugehen. Zuerst will er alle in die Wirtschaft um die Ecke schicken. Aber dann fällt ihm wieder ein, dass ja der ganze Flecken im Urlaub ist und er seine Eier zurzeit deswegen sowieso nicht los wird. Pragmatisch wie der Schwabe nun mal ist, beschliesst er also, Käsespätzle für alle Gäste zu machen. Den Käse dazu, "ein ganzes Wagenrad", hat er letztes Mal bei einem Blumenschmuckwettbewerb gewonnen.

Vom Fräulein Brigitte, die er am Dienstag zum Doktor fährt, bekommt er auf lautstarken Zuruf 15 Köpfe geputzten Salat inklusive Salatsosse vor die Tür gestellt. Die Dame bekommt zwar keiner zu Gesicht – durch die Dialoge mit dem imaginären Gegenüber lernt sie trotzdem jeder kennen. Sparsam ist Wendelin Weber: er kratzt sogar die Eierschalen aus und möchte am liebsten noch das zusammengeschobene Mehl von der Arbeitsfläche mit verarbeiten. Komik hin, Klaumauk her – sein Handwerk beherrscht er dennoch, und zwar überaus virtuos.

Das ist dann die perfekte Überleitung zu dem, was wahrscheinlich den besonderen Charme dieses Abends ausmacht: Die Gäste müssen – oder dürfen? – selber schaffen. Lore steht schon auf der Bühne, brät Zwiebeln und tauscht sich mit Wendelin über die Wascheigenschaften ihrer Bluse aus. Derweil verteilt der knitze, aber im Grund natürlich herzensgute, Küchenchef Weingläser in Kartons, sowie Tischwäsche, Servietten und abgezählte Wein- und Sprudelflaschen. "Haushaltet mir bitte mit dem Sprudel – den Wein krieg ich günstig", gibt er der fleissigen Helferschar mit auf den Weg. Es ist erstaunlich, was passiert: Nicht ein unfreundliches Gesicht ist zu sehen. Alle helfen sich gerne gegenseitig beim Ausbreiten der Tischdecke. Die Servietten werden an jedem Tisch anders gefaltet, während Abgesandte jeder Tischgemeinschaft nach vorne kommen, sich beim Salat bedienen oder eine der heissen Spätzleformen holen, denn die sind inzwischen fertig. Wendelin behält recht: "Gell, wenn mr z'samma schafft geht's schneller und mr kommt auch ins G'spräch." Noch lange sitzen viele beieinander, auch nachdem die Teller zusammengeräumt sind und Weber, wie er sagt, "ins Nescht" gegangen ist.


Sonntag / Montag - 11./12. Mai

Hugel und Hugel

Zwei Brüder, malend und fotografierend, trafen sich erstmals in der Lahrensmühle zu einer gemeinsamen Ausstellung.

Hugi Hugel, der Maler hinterlässt schon seit Jahren seine Spuren in zahlreichen Städten der Republik. Ob in Berlin, Köln oder Hamburg, überall konnte man in den letzten Jahren auf seine Werke stossen. Mit seinen an Pop-Art erinnernden Bildern thematisiert er die zwischenmenschlichen Beziehungen des Alltags. Oftmals bilden Zeitungsausschnitte den Hintergrund seiner Protagonisten und regen dazu an, sich den grossformatigen Bildern bis auf wenige Zentimeter zu nähern. Oder er überzieht eine einzelne Wand mit hunderten von Bierdeckeln, auf denen Icons aus seinen Bildern immer wieder auftauchen.

Die Fotografien von Michael Hugel halten den Alltag fest, den man im Alltäglichen übersieht und schärfen den Blick auf das Detail. Es sind Schnappschüsse, die das Gewöhnliche zu etwas Besonderem machen und so mancher entdeckt Dinge aus seinem Umfeld, die er bis jetzt unbewusst ignorierte.


Montag - 12. Mai

"Phon B feat. Hanna Klötzer"

Phon B und die Sängerin Hanna Klötzer geben an diesem Abend ihr Debütkonzert. Ausschliesslich Eigenkompositionen der Bandmitglieder mit poetischen deutschen Texten sind zu hören und es entsteht sogleich der Eindruck des Innehaltens und gespannten Wartens. Es ist ein Experiment mit einer sehr ungewöhnlichen Instrumentierung (u.a. Waterphon, Sopranino). Von behänden Geistern, die man durch alle Türen spürt, und geheimnisumwobenen Entdeckungen "ich seh was, das du nicht siehst, und nur ich kann's verstehn, darf es niemand verraten, denn es würde vergehn" - schon die Titel der Kompositionen machen neugierig: Reisefieber, der Schöne und die Biene, Ballade von der Königin. Sie verraten Witz und Selbstironie. Leicht schwebende sowie sperrige Roadmovie-Grooves kokettieren in unerwarteten Arrangements mit federnden Swingpassagen und unterlegen die eigenständigen deutschen Texte. Wenn es die Kategorie "Independent" auch für jazzinspirierte Musik gäbe, hätte sie hier ihren Ursprung. Die Musik öffnet die Ohren für ganz neue Klänge und Emotionen.

Hanna Klötzer (voc.) Harald Schneider (saxophone) Kurt Holzkämper (bässe) Bernd Settelmeyer (drums, percussion)

Veranstalter Warmbronn



Grosse Musik, sympathisch virtuos gespielt

von Wolfgang Albrecht (Leonberger Kreiszeitung 14.05.2008)

Leonberg. Zum Abschluss der Pfingst-Kulturtage in der Lahrensmmühle hat es vielleicht die Geburtstunde einer neuen Jazzrichtung gegeben: Phon B. feat. Hanna Klötzer begeisterten mit an Keith Jarrett erinnernde Klangfarben.

Wo soll man beginnen, wenn man solchermassen überrascht und fasziniert wird wie am Montagabend, als Phon B feat. Hanna Klötzer auf Einladung der Christian-Wagner Gesellschaft zu Gast sind. Beschaulich romantisch liegt sie da, die Lahrensmühle. Und so wurde auch die Band im Programm angekündigt. Begriffe wie "poetisch deutsche Texte", "behende Geister" und "Roadmovie-Grooves" erweckten die Erwartung auf Teezirkel, Räucherstäbchen oder bestenfalls kitschig naive Western-Songs. Jedenfalls nicht auf das, was dann kam: hochprofessioneller, virtuos gespielter, sehr emotionaler, trotzdem dichter und durchaus auch "harter" Jazz.

Eigentlich sollte die erste CD mit selbst gemachten Songs unter dem Titel "Warte hier" am Montagabend präsentiert werden. Aber es wäre keine rechte Jazzband, wenn dies planerisch so geklappt hätte. Vermisst hat die Scheibe zunächst niemand, doch am Schluss des Konzertes hätte man schon gern ein Exemplar mitgenommen. Denn wiewohl live gespielte Musik immer besser anzuhören ist, lässt sich das, was Phon B feat. Hanna Klötzer zu bieten haben, mit Sicherheit auch als CD bestens an. Auf deren tatsächliches Erscheinen kann sich die Jazzwelt daher jetzt schon freuen.

Mit "Reisefieber" beginnt der Abend. Saxofon-Tupfer (Harald Schneider) begleiten wunderbar geschmackvolle und intelligente Texte. Sprechspiele und Wortimprovisationen wechseln sich mit perfekt gespielten Instrumentalsoli ab. Gleich zu Beginn zeigt sich die Phon-B-Musik als ein durch den Bauch gehender, zum Verlieben schöner Jazz. "Geisterstunde" etwa ist keine verkitschende Schlagermusik, sondern eine Traumkomposition mit impressionistischem Flair. Dank sinfonischer Klänge und Kompositionselemente oder langer Modulationsläufe verlassen die Werke mühelos den Status eines einfachen Songs. Virtuose Instrumentalisten erzeugen archaische Klänge.

Nicht nur im Stück mit dem Titel "Du selbst" zeigt sich Hanna Klötzer als Jazzsängerin mit herausragendem Stimm- und Klangfarbenpotenzial und mit der Fähigkeit, intelligente Texte zu schreiben. Und "Eine Entdeckung" ist der Song gleichen Titels in der Tat. Wie gelingt es, einen solchen Reichtum an Klangfarben ohne Synthesizer zu erzeugen? Eine wahre Unplugged-Wohltat in elektronischer Zeit. Eine dramaturgische Wohltat ist auch das Einstreuen von rein instrumentalen Trioteilen. Sie bringen sehr rhythmischen, temperamentvollen und nach dem Gesangssentiment fast schon harten Jazz in den Abend. Mit den Kompositionen "Vier-Drei-Drei" und "Sternbild" des Schlagzeugers Bernd Settelmeyer geht es in die Pause.

Und mit "Warte hier" und "Wassertropfen" anschliessend weiter. Programmmusik mit einem wassertröpfelnden Schlagzeugbeginn, herrlich weiterwässernd im brillant gespielten Bass (Kurt Holzkämper), sich abwechselnd mit sängerisch zungeschnalzenden Elementen. In "Ismael", dem einzig nicht selbst gemachten Titel, begeistern dann virtuose Saxofonsoli und orientalische Klangfarben mit den Schlaginstrumenten, die spannungsvoll durchinterpretiert sind.

Die Höhepunkte, an diesem an Höhepunkten reichen Abend, sind die Titel "Irrentanz" - mit einem tatsächlich "irren" Schlagzeugsolo im Wechsel mit "irrwitzigen" Bassläufen - und "Andere Richtungen", witzig-slapstickartige Musik pointiert bis an die Grenze ausgelotet. Die "Ballade der Königin" und zum Abschluss "Wir trotzen der Distanz", ein (Lob?-)Lied auf die Fernbeziehung, beenden diesen grandiosen Abend. Fein, fast etwas ironisch arrangiert, das "La Le Lu" als Zugabe.

Es steht nur zu "befürchten", dass bei dieser Band- und Musikqualität die Fernbeziehung weiteren Belastungen ausgesetzt sein wird. Denn "Phon B feat. Hanna Klötzer" sind ein Ensemble von Spitzenmusikern mit Karrierepotenzial. So ist denn auch der Mühlenbesitzer mit dem Jazzabend zufrieden, ebenso wie mit den beiden vorangegangenen Kulturtagen in seiner Lahrensmühle.