Startseite Veranstaltungen im Rückblick "Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2009

"Kulturpfingsten" in der Lahrensmühle 2009

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Samstag 30. Mai 19.30

"Theatersport"

Improvisationstheater

Wer's nicht gesehen hat, ist selbst schuld! Es gibt kaum eine Möglichkeit, sich besser zu amüsieren als bei Volker Quandts Improvisationstheater  "Theatersport". Ein Zuruf aus der Zuschauermenge und die Schauspieler improvisieren daraus spontan und frei einen sprühenden Wortwechsel.  Nichts ist vorher abgesprochen. Nichts ist vorbereitet. Ein Lacherfolg jagt den nächsten ...

In Tübingen hat der aus 2 Schauspieler-"Mannschaften" bestehende "Theatersport" mit über 750 Vorstellungen schon die Rekordmarke von 260.000 Zuschauer/innen überschritten. Für die Lahrensmühle wurde die Improvisations-Show an die kleine Mühlenbühne angepasst: Es treten keine 2 Mannschaften "sportlich" gegeneinander an, aber dem sprühenden Witz tut's keinen Abbruch.

Veranstalter  Leonberg



Höchste Suchtgefahr beim Theatersport

von Sybille Schurr (Leonberger Kreiszeitung 02.06.2009)

Leonberg. In Zeiten, in denen so manchem das Lachen vergeht und ernsthaft Lachschulungen und -kurse angeboten werden, ist Theatersport geradezu ein Allheilmittel. Theatersport ist Kult.

Im Rahmen der schon Tradition gewordenen Veranstaltungsreihe Kulturpfingsten hat die Theatersportgruppe aus dem Landestheater Tübingen, im übrigen Deutschlands älteste Theatersportgruppe, am Samstagabend in der Lahrensmühle Station gemacht.

Das Bauchmuskeltraining mittels Zwerchfellerschütterung stiess auf ein begeistertes Publikum. Viele Neulinge, aber auch eine grosse Schar erprobter Theatersportler. Im klassischen Wettkampf treten zwei Schauspieler-Mannschaften gegeneinander an. Am LTT in Tübingen sind damit bereits Rekordmarken erzielt worden: 750 Vorstellungen mit über 260 000 Zuschauern. Theatersport macht süchtig. Für die Lahrensmühle wurden neue Regeln aufgestellt, die kleine Bühne im Mühlenraum bietet nicht ausreichend Platz für zwei Mannschaften, deshalb trat nur eine Mannschaft auf, die gegen die Zeit spielte. Das Publikum ist rasch mit den Regeln vertraut: Der Ringrichter gibt eine Szene vor, die Schlüsselwörter werden aus dem Publikum zugerufen und dann wird wie im Boxsport angezählt - fünf, vier, drei, zwei, eins und los geht's. Kopfüber stürzt sich die kleine dreiköpfige "Sportgruppe" ins Improvisieren. "Herr Kaiser" am Klavier unterlegt die Szenen musikalisch. Mitten hinein in die grosse Oper, ins gefühlsbetonte Musical, in Eigersuchtsdramen, poetische Begegnungen an unwirtlichem Ort, viel Herz und noch mehr Schmerz, Hassgefühle und Mordgelüste. Tabus gibt es keine und genauso wenig Grenzen für grosse Gesten und grosse Gefühle. Im Theatersport ist alles erlaubt, selbst das rücksichtslose Ausbooten der Mitspieler mittels Übertrumpfen.

Am Anfang weiss keiner, wohin es geht. Manche Wendung ist so erstaunlich, dass selbst die Akteure auf der Bühne das Lachen nur schwer zurückhalten können, die Zuschauer tun sich keinen Zwang an. Die Lachtränen rollen. Simple Worte und Begriffe setzen das Spiel der unbegrenzten Möglichkeiten in Gang. Am Samstag stand das Publikum ganz offensichtlich noch unter dem Eindruck des "Big Bang", mit dem die Bürohochhäuser der ehemaligen Bausparkasse in die Vergangenheit befördert werden sollten. "Sprengung" wünschten sich die Zuschauer immer wieder um am Ende wurde das erste, einzige und echte Leonberger Musical daraus: "am Mühlkanal" vertraut sich die junge Sekretärin einem Unbekannten an, keine Bürohochhäuser mehr, kein Job mehr... Ein gütiges Sternlein bringt jedoch Rettung

Theatersport kommt ohne Kulisse aus, ohne Kostüme, ein wenig Klavierbegleitung, ganz viel pantomimische Experimentierfreude und ganz viel lustvolle Einbildungskraft in den Köpfen der Zuschauer. Versuche, den Erfolg von Theatersport zu erklären, scheitern. Der Charme erschliesst sich beim Sehen, beim Mitverfolgen des Entstehungsprozesses, beim Mitfiebern, wie die Schauspieler dort oben auf der Bühne die Aufgabe wohl lösen werden.

Die LTT-Truppe setzte dabei ihre Fähigkeiten kreativ und spontan ein für das für den Moment erschaffene einmalige Schauspiel. Das rein oberflächlich nichts anderes will, als unterhalten und doch immer wieder aufs Neue beweist, dass Theater ein Ort der Fantasie ist und es immer wieder ein Publikum gibt, das sich auf dieses Abenteuer einlassen will. Deshalb ist Theatersport Kult, deshalb besteht höchste Suchtgefahr.


Sonntag 31. Mai 19.30

"Zwei Zauberer"

Zauberei in der Lahrensmühle

Lassen Sie sich zurückfallen in die Welt der Gaukler, Scharlatane & Quacksalber, als sie die Leute mit ihrer phantasischen Magie in ihren Bann zogen. Doctor Marrax ist einer dieser letzten Spezies, welcher Ihnen diese Kunst authentisch präsentieren kann.

Dabei zeigt er magische Experimente mit seinem Wundermittel Marrax-o-fax – nur eines der vielen Bestandteile seines magischen Medicinal-Karrens.

12 Nationen unter einen Hut zu bringen war noch nie leicht. Hermes Kauter von der Merklinger Zaubermühle schafft das spielend! Natürlich hilft ihm dabei sein  Zauberhut!

Veranstalter   Leonberg



Mit zauberhafter Lässigkeit die Epochen überwunden

von Sybille Schurr (Leonberger Kreiszeitung 02.06.2009)

Leonberg. Fahrende Gaukler, Zauberer und Jahrmarktskünstler haben am Pfingstsonntag in der Leonberger Lahrensmühle die Zuschauer bezaubert. Der Liebling der Zuschauer war Dr. Marrax, der insgeheime Star der Szene.

"Herrrreinspaziert!" Nach dieser Aufforderung nimmt man beherzt die Klinke in die Hand, die in Schulterhöhe ist, öffnet die schwere hölzerne Tür und tritt ein in den dämmrigen Mühlenraum. Um gleich in eine andere Welt zu versinken.

Marktschreierisch tritt da einer auf die Bühne: Zerzaustes Haar samt Vollbart unterm Zylinder, einem leicht schmierigen Frack und mit schweren Knobelbechern bewaffnet. Im Gepäck hat er ein Wunderpülverchen. Marx-o-fax, das "Pilverchen" des Dr. Marrax ist, so sagt er, landauf, landab bekannt. Sein Erfinder gehört zu den (preisgekrönten) Stars der Strassenzauberer. Der Dr. Marrax ist ein Gesamtkunstwerk: Levantinischer Handelsreisender aus Zeiten, als es mit Pferd und Wagen oder auf Schusters Rappen langsam voranging. Ein Jahrmarktsgelehrter und Gaukler, dessen Sprache ihn als einen Weitgereisten und Vielwissenden ausweist. Wo er auch hinkommt, da versammelt er "die Bürger" in Scharen um sich und beweist mit allerhand abstrusen Experimenten die Wirksamkeit seines Pilverchens.

Da schaudert es das staunende Volk, wenn sich der Gelehrte einen Nagel in den Kopf bohrt, dem "Pilverchen" sei Dank, dass es ohne Blutvergiessen abgeht, aber so wird das Gehirn gelüftet und der Kopfschmerz ist vorbei. Kopfzerbrechen machten sich die Bürger in der Lahrensmühle allerdings schon über die so gewandt vorgetragenen Zauberkünste. Warum ist das Ei mit dem "Löchelchen", in dem das "Tichlein" verschwindet, am Ende doch ein richtiges Ei mit Eigelb und Dotter, wie es sich für ein Ei gehört? "Die wundersamen Löcher von der Lahrensmühle sorgten für grosses Staunen und hebelten jede Realität aus, wenn aus dem in der Faust "zerdrickten Zucker" plötzlich ein Würfelzucker wird.

Nicht weniger bunt trieb es Frascatelli, der aus der Merklinger Zaubermühle in die Lahrensmühle gezogen kam. Er nahm seine Zuschauer mit auf eine Weltreise der Gaukler. Sozusagen zwölf Nationen unter einem Hut. Und der besteht in Wirklichkeit nur aus einer breiten Hutkrempe, die fingerfertig und geschickt, gefaltet und geknotet wird - und schon ist aus dem Dreispitz ein Turban geworden. Die Kopfbekleidung ist der Wegweiser der Reise. Aus dem Handgelenk schüttelt der grosse Frascatelli so manches Wundersame. So erklärt er anhand von "Bubele und Mädele" mit italienischem Charme die Fortpflanzung auf seine ganz eigene Art. Staunen und Lachen liegen da dicht beieinander. Ein auf neue Weise gefalteter Hut, eine kleine symbolische Melodie, ein paar typische Tanzschritte und schon hat Frascatelli Italien verlassen und kommt in Spanien an, versetzt die Zuschauerin napoleonische und fridericianische Zeiten. Mit zauberhafter Lässigkeit überwindet er Ländergrenzen und Epochen.

Ihr Zuschauer, Bürger vergangener Städte und Zeiten: Es gibt mehr Ding zwischen Himmel und Erde, als ihr träumen könnt. Lasst sie ein, die Gaukler und überschreitet mit ihnen die Schwelle der Fantasie.


Sonntag 31. Mai / Montag 1. Juni

Skulpturenausstellung an der Lahrensmühle

Die diiesjährige Ausstellung an der Lahrensmühle sprengte im wahrsten Sinne des Wortes den üblichen Rahmen. Gleich 7 Bildhauer waren der Einladung gefolgt und stellten Beispiele ihres Wirkens vor. Diese waren in der Mühlenscheune zu besichtigen, wozu sich noch Grossskulpturen im Freien hinzugesellten. Und um den Besuchern die Arbeit eines Bildhauers näher zu bringen, hatten 3 Künstler zugesagt, sich bei der Arbeit über die Schulter schauen zu lassen. Sie waren auf der Terasse der Mühle sowie in und vor der Mühlenscheuer bei der Erschaffung einer Skulptur live zu erleben.

Die folgenden Künstler (in alphabetischer Reihenfolge) stellten an der Lahrensmühle aus:

Reiner Anwander

1952 geboren in Backnang
1971-72 Freie Kunstschule Stuttgart
1978-84 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
1983 Meisterschüler bei Prof. Emil Cimiotti
1988 Beginn der freischaffenden Tätigkeit

Ausstellungen und Beteiligungen in der Schweiz, Frankreich, Italien, England, Serbien, Polen und Deutschland seit 1984

Reiner Anwander ist fasziniert von der Magie, die von alten Eichenbalken ausgeht. Welchen Teil der Weltgeschichte haben die betagten Stücke erlebt? Wo haben sie gestanden? Anwander nimmt sich der Kleinode an, gestaltet sie, ohne ihnen ihre arteigene Ausdruckskraft zu nehmen.

Titel: "Schiller" (entstanden anlässlich eines Bildhauer-Symposiums in Ludwigsburg)
Material: Eiche

Hans Berweiler

1934 geboren in Stuttgart
Steinmetz- und Steinbildhauerlehre
Privatschüler bei dem Bildhauer Körner
16 Semester Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
Meisterschüler bei Prof. Baum
seit 1963 freischaffend

Ständige Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland, Goldmedaille für Plastik im Salon International Paris

Die Bausteine des Lebens finden zusammen und bilden eine präzise Einheit, die organisches Leben möglich macht. Die Skulptur symbolisiert die ursprüngliche Zusammenfügung der anorganischen Materie, die dadurch zum Organismus, zur Lebensmöglichkeit führt.

Titel: "Prägnanz"
Material: Muschelkalk
Masse: Höhe 120 cm, Breite 40 cm, Tiefe 27 cm
Gewicht: etwa 250 kg


Thomas Dittus  

1962 geboren in Herrenberg
1979/82 Lehre als Steinbildhauer
1985/87 Besuch der Meisterschule in Freiburg
ab 1979 Teilnahme an zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen im süddeutschen Raum und in der Schweiz
1994 Übernahme des elterlichen Betriebs

Thomas Dittus verleiht seinen Skulpturen eine Aussage, die es ermöglicht, sich selbst darin wiederzufinden. Formen, die sprechen und doch die Möglichkeit geben, mitzureden. Formen, die ansprechen und doch jedem die Freiheit der eigenen Gedanken erlauben.

Titel: "Aufrichtigkeit"
Material: Granit und Edelstahl
Masse: Höhe etwa 2,75 m


Birgit Feil

1965 geboren in Stuttgart
1987 Freie Kunstschule Stutgart
1988 - 1994 Studium an der Hochschule der Künste Berlin
1994 Meisterschülerabschluß bei Prof. Biederbick
Seit 1995 Freischaffende Künstlerin in Stuttgart
Dozentin an der Volkshochschule
Seit 1996 Atelier im Atelierhaus Kelterberg und weitere Kurstätigkeit

Kennzeichnend für die Arbeit von Birgit Feil ist eine merkwürdige Leichtigkeit und Verhaltenheit, die keine formale Verfremdung und Übersteigerung notwendig hat. Die figürliche Plastik wird als plastische Figur nicht problematisiert, weder im Ausdruck gesteigert, noch formal verfremdet. Es gelingt ihr, den Schein der realen Situation in ein "Scheinen" zu verwandeln.

Titel: "Lara"
Material: Beton
Masse: Höhe etwa 1 m

Michaela A. Fischer

1953 geboren in Alpirsbach
1973 Abitur
1974 Bundessieg für Holzbildhauerei
1974 Beginn des Studiums an der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart
1985 Aufbaustudiengänge und Auslandsaufenthalte
1987 künstlerische Auseinandersetzung mit metallischer Verarbeitung und Stein
seit 1990 freiberuflich als Bildhauerin tätig
1995, 1996 Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg/Fachbereich Schlusssemester Kunst

Michaela Fischers Werk kreist um den Menschen. Es ist der Mensch in Grenzsituationen, in Phasen des Übergangs.  Grenzen werden auch in formaler Hinsicht ausgelotet. Immer wieder konfrontiert die Künstlerin die Figur mit abstrakten Formen, mit Blöcken, Platten.

Titel: "Schnürfigur"
Material: Bronze

Guillermo de Lucca Villacis

1957 geboren in Guayaquil, Ecuador
1975-78 Diplom als Bildhauer an der staatlichen Schule für schöne Künste "Juan José Plaza" in Guayaquil, Ecuador. Spezialgebiet Skulpturen bei Prof. Evelio Tandazo
1982-85 Kurs für Aktzeichnen und Aktskulpturen an der staatl. akademischen Kunstschule in Rom bei Prof. Guerrini und Prof. A. Romanello. Skulpturen bei Prof E. Greco
1985 freischaffender Bildhauer und Grafiker in Rom
seit 1992 freischaffender Bildhauer und Grafiker in Deutschland

Guillermo de Luccas Werke haben eine in sich ruhende Harmonie aber auch Energie, die seinen inneren, musikalischen Schwingungen und Rhythmen entspringen. In seinen Arbeiten findet er eine Symbiose zwischen dem Konzeptionellen-Konstruktivistischen und Abstrakt-Figurativem, wie dem Symbolischen.

Titel: "Mutter und Kind"
Material: Basalt
Masse: Höhe etwa 210 cm
Gewicht: etwa 2 to

Frank Teufel

1966 geboren in Tuttlingen
1984 -87 Lehre als Steinbildhauer
1991-93 Meisterschule für Steinmetze und Steinbildhauer in Mainz
1996-99 Studium an der Akademie für Gestaltung in Ulm
seit 1994 in Tuttlingen selbstständig tätig

Wie kaum ein anderer verfolgt Frank Teufel den Weg der minimalistischen Abstraktion. Seine reduzierten Formen zwingen zu Konzentration und Auseinandersetzung. Sie setzen dem Betrachter keine fertigen Ergebnisse vor, sondern eröffnen ihm ästhetische und mentale Spielräume. Der Dialog, den der Betrachter dabei mit dem Werk eingeht, ist eines der zentralen Anliegen des Künstlers.

Titel: "Verbindung"
Material: Eiche
Masse: Höhe etwa 4 m




Plastiken beleben das Mühlengelände


von Gabriele Müller (Leonberger Kreiszeitung 25.05.2009)

LEONBERG. Für den Mühlenbesitzer erfüllt sich ein Traum. Dieses Jahr beherbergt seine Lahrensmühle über Pfingsten nicht nur Kunst und Künstler in Innenräumen, sondern erstmals auch im Freien. Und die riesigen Skulpturen wirken, als stünden sie schon immer da.

"Von mir aus könnten die Künstler sie vergessen und müssten sie gar nicht wieder abholen" äussert Thomas Lautenschlager seine Zufriedenheit über das gelungene Ergebnis. Sieben Bildhauer stellen beim diesjährigen Kulturpfingsten bei ihm aus. Und, auch das ist neu: drei von ihnen werden an dem langen Wochenende vor Ort sein und sich beim Arbeiten über die Schulter schauen lassen. Auf die Beine gestellt hat der Veranstalter das Projekt zusammen mit Michaela Fischer, der langjährigen Vorsitzenden des Bundes freischaffender Bildhauer Baden-Württembergs (BfB). Sie hat sich mit den Künstlern in Verbindung gesetzt. Die sieben, die nun ausstellen, ergänzen sich harmonisch zu einem vielseitigen Gesamtbild.

Neben Michaela Fischer selbst werden an den Pfingsttagen die in Warmbronn lebende Birgit Feil sowie Guillermo de Lucca aus Hildrizhausen in der Lahrensmühle sein. Ausstellende sind ausserdem Reiner Anwander, Hans Berweiler, Thomas Dittus und Frank Teufel.

Wer dem Weg zur Lahrensmühle folgt, der wird von einer hoch aufgerichteten Stele aus Granit und Stahl empfangen. Einem Wächter gleich scheint diese "Aufrichtigkeit" genannte Skulptur darauf zu achten, wer weitergehen darf und wer nicht. Wie ein Kopf ruht - fast schwebend
auf dem Granitsockel eine kreisrunde, von Kreisen und Segmenten durchbrochene Scheibe.

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Gehen Besucher unbeirrt weiter geradeaus, vorbei an der mächtigen Kastanie im Mühlenhof, reckt sich vor ihren Augen die riesige Holzskulptur Frank Teufels mit dem Namen  "Verbindung" in den Himmel. Teufels Arbeiten, kleinere stehen auch in der Scheuer, leben vom Dialog der abstrakten Formen und der Spannung, welche die Materialien Holz oder Stein mitbringen. Still und in sich gekehrt ruht am Fuss der Kastanie Hans Berweilers "Prägnanz". Der fast mannshohe Quader aus Muschelkalk ist von Einkerbungen durchzogen, die ihn zugleich strukturieren und ihm Lebendigkeit verleihen. Ganz selbstverständlich fügt sich das Exponat von Reiner Anwander in das Gesamtbild des Mühlenhofs: Sein "Schiller" ist ganz schlicht, gearbeitet aus einem alten Eichenbalken, der wohl viele Eindrücke und Geschichten in sich birgt.

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In besonders reizvollem Kontrast zu den umgebenden urigen Gemäuern und saftigen Wiesen steht die massive Basalt-Skulptur "Mutter und Kind". Guillermo de Lucca hat den riesigen Steinblock bearbeitet, dessen Härte Bildhauer vor eine grössere Herausforderung stellt als zum Beispiel Marmor. Die seidig polierte Oberfläche der kompakten Bildsäule verführt zum Darüberstreichen und das ist in diesem Falle nicht nur erlaubt, sondern vom Künstler sogar gewünscht. Auf der Rückseite ist der Stein naturbelassen. Die matte, fleckige, rotbraune Schicht verrät nichts von der kostbaren Pracht in poliertem Zustand. De Lucca wird an Pfingsten mit kleinern Edelsteinen arbeiten, wie zum Beispiel Chalzedon oder Fluorit.



Die Figuren von Birgit Feil versammeln sich vor allem in der Scheuer. Die Warmbronnerin macht Bildnisse von Menschen aus dem Alltag: Manche sind kaum eine halbe Armlänge gross, andere so ausladend, als wären sie ein genaues Abbild aus dem Leben. Es sind Abgüsse in Kunststoff, Bronze oder Beton. Manche sind farbig gefasst, andere nicht. Manchmal stellt Feil verschieden gestaltete Varianten gleicher Abgüsse nebeneinander, und die Unterschiedlichkeit der Wirkung ist verblüffend. Feil arbeitet ihre stets natürlich gestikulierenden Figuren in Ton, ehe sie über das jeweilige Gussverfahren ihre endgültige Form erhalten.

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Klein und filigran sind die "Schnürfiguren" von Michaela Fischer. Wie genau es ihr gelingt, die fein miteinander verwobenen Bronzebänder aufzubauen und zu fixieren, ist ihr Geheimnis. Ein sehr aufwändiges Verfahren sei es, verrät sie. All ihre Arbeiten, kaum einen halben Meter hoch, sind Unikate. Die Modelle, die sie aus Wachs herstellt, schmelzen während des Gussvorgangs und sind dann unwiederbringlich für einen zweiten Versuch verloren. Manchmal lässt Fischer die Gusskanäle stehen. Dann wirken die durch die Schnürungen definierten, imaginären Körper, als würden sie von mysteriösen Armen gehalten oder getragen. Gerade diese mystische Wirkung ist es, welche die Künstlerin beabsichtigt, wenn sie diese Herstellungsspuren als Teil des Kunstwerkes stehen lässt.

Mühlenbesitzer Thomas Lautenschlager ist nicht nur glücklich darüber, dass diesmal das ganze Gelände durch Kunst belebt sein wird. Die aussergewöhnlich kollegiale Zusammenarbeit der Künstler war für ihn ebenfalls ein besonderes Erlebnis. So hat sich Thomas Dittus dazu spontan bereit erklärt, seinen Lastwagen mit Kran für den Transport von De Luccas zwei Tonnen schwerer Plastik zur Verfügung zu stellen. Sonst wäre deren Aufstellung vermutlich an den Transportkosten gescheitert. Von Allüren keine Spur, Zusammenhalt statt Konkurrenz: "Die Bildhauer haben Bodenkontakt", hat Lautenschlager beobachtet. "Sie greifen beherzt zu und gehen souverän miteinander um."



Idylle und Kunst liegen nah beieinander

von Rainer Enke (Leonberger Kreiszeitung 02.06.2009)

Leonberg. Neue Kunst in alten Mühlen entlang der Glems das lockt am Pfingstwochenende viele Kunstinteressierte und Ausflügler an. Ein Kulturpfingsten in der Lahrensmühle hat Thomas Lautenschlager ausgerichtet, in der Scheffelmühle kann man die Ateliers von Hans Daniel Sailer und seiner Schwester Heide Bihlmaier besuchen.

Ganz im Zeichen der Bildhauerei steht die Lahrensmühle an diesem Pfingstwochenende. Zwar gibt es dort öfters Kunst zu sehen, doch erstmals hat Thomas Lautenschlager das gesamte Mühlengelände in die aktive Ausstellung mit einbezogen. Im Hof, vor der Scheune und unter alten Bäumen, überall stehen Skulpturen und Plastiken.

Der besondere Reiz in diesem Jahr liegt aber auch darin,  dass drei der sieben ausstellenden Künstler am Sonntag und Montag sich beim Arbeiten über die Schulter schauen lassen. Ein reger Gedankenaustausch kommt in Gang. Manche Besucher stehen konzentriert da und beobachten einfach nur, wie unter den Händen von Guillermo de Lucca, Michaela Fischer und Birgit Feil Plastiken, Köpfe und Figuren entstehen.

Gerne erläutert Guillermo de Lucca zusammen mit seiner Galeristin Irmgard Heyd aus Hildrizhausen in Symposien seine Herangehensweise an ein Objekt und dessen technische Umsetzung. Seltene, sehr harte Gesteine sind die Grundlage, aus der grosse wie kleine Skulpturen entstehen.

Afrikanischen Basalt verarbeitet er ebenso wie den farbenprächtigen Chalcedon und als Besonderheit den schichtweise grün und gelb leuchtenden Jaspis. Von diesem, in Europa nicht vorkommenden Material hat de Lucca im vergangenen Jahr zehn Tonnen aus einer kleinen Mine in seiner Heimat Ecuador nach Hildrizhausen gebracht. Dieser Stein, wie auch etliche andere leben von Einschlüssen, Gold, Kristalle oder Drusen etwa. Solche Strukturen sowie die Form des gefundenen Materials inspirieren Guillermo de Lucca zu seinen Skulpturen. Er dreht und wendet die Brocken und analysiert sie aus der Bewegung heraus. So entsteht an den beiden Ausstellungstagen aus Porphyr ein Portrait des Revolutionsführers Che Guevara.

Mit Säge, Meissel und Maschinen schneidet de Lucca die Grobform, dann folgt viel freihändige Massarbeit. Konturen, Rillen, Linien fräst er unter Wasserkühlung mit einer Schleifmaschine aus dem harten Stein.

"Manchmal brauche ich Schleifscheiben mit der Härte von acht bis neun", sagt er, "Diamant hat Härte zehn". Dann schleift er mit immer feinerer Körnung manche Stellen der Oberflächen glatt, anderes bleibt grob behauen. Samtig fühlen sich die Rundungen an, hart und klar die Kanten, beinahe hat diese einen erotischen Reiz.

Aber auch der Kopf des kubanischen Revolutionsführers wird in zwei Tagen nicht fertig sein. "Alleine zum Polieren brauche ich etwa eine Woche", sagt Guillermo de Lucca. "Die Steine messen die Geduld des Künstlers", fügt er wissend hinzu.

Biegen die Besucher um die Ecke, stehen sie auch schon vor Birgit Feil. Sie erläutert, wie ihre teils lebensgrossen, teils kleinen Skulpturen von Menschen entstehen, die oft eine frappierende Lebendigkeit ausstrahlen. Unter den Händen von Birgit Feil wächst in kleinen Brocken aus Ton auf ein Metallgestell modelliert, die 90 Zentimeter hohe Statue einer Frauenfigur.

Diese Figur wird dann zu Hause im Atelier mit einer sogenannten Negativform aus Gips umhüllt, die dann entweder mit Plastik oder auch Beton ausgegossen werden kann. Das Modellieren lockt die Zuschauer an. "Viele staunen, wie grob das anfangs aussieht, und wundern sich, wie fein die gegossenen Objekte dann wirklich werden", erklärt Birgit Feil.

Mit grobem dunklem Ton arbeitet Michaela Fischer auf der sonnendurchfluteten Terrasse. "Das Material hat den Vorteil, dass es statisch kaum Grenzen kennt, und meine Figuren daher innen nicht hohl sein müssen", sagt die Künstlerin. Allerdings ist dieser spezielle Ton anfälliger gegen Trockenheit, so dass sie den Frauenkopf über Nacht nass einsprühen und einwickeln muss.

Auch die Scheffelmühle an der Glems ist an diesem Wochenende ein beliebtes Ausflugsziel...


Montag 1. Juni 17.00

"Auf kleinen Planeten"

mit Christian Wagner und Sputnik 27 durchs Weltall

Die teils visionären Texte und Gedichte Christian Wagners handeln von und auf Himmelskörpern im All. Zusammen mit der Musik von "Sputnik 27" und dem Sprecher Urs Klebe begeben wir uns auf eine Reise "on space" und gelangen in andere Sphären.

Sputnik 27 ist eine Formation um dem Schlagzeuger und Percussionisten Bernd Settelmeyer mit Jo Ambros an den Gitarren, Uwe Lange am Kontrabass und E-Bass sowie Carsten Netz an Klarinette und Saxophon. Bei der Musik der Gruppe eröffnet sich ein vielfältiger und spannender Kosmos. Neben melodischen und ruhigen Klängen gibt es Ungewöhnliches, manchmal Bizarres zu entdecken. Sowohl die Musik als auch die Texte von Christian Wagner sprechen ein grosses Spektrum von Sinneseindrücken an und werden für ein intensives Hörerlebnis sorgen.

Veranstalter  Warmbronn



Jazz und Christian Wagner harmonieren aufs Beste

von Rainer Enke (Leonberger Kreiszeitung 03.06.2009)

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Leonberg. Ein literarisch-musikalischer Ausflug ins Weltall mit Texten des Warmbronner Dichters Christian Wagner und dazu passender Musik der Gruppe Sputnik 27 - damit ist das Kulturpfingsten in der Lahrensmühle am Montagabend visionär zu Ende gegangen.

Es mag vielleicht manchmal anrührend erscheinen, wie sich der Warmbronner Bauer und Poet Christian Wagner vor rund hundert Jahren ferne Planeten, das Weltall, die Entstehung von Gestirnen oder das Leben dort vorgestellt hat. Doch er hat in seinen Prosastücken und Gedichten kraftvolle Visionen festgehalten, die er mit eindrucksvollen Formulierungen in Worte fasste. Oder wie Karl Kollmann, der Vorsitzende der Christian-Wagner-Gesellschaft, es in der Lahrensmühle beschreibt: Wagner hat "merkwürdige Ausflüge in den Cyberspace" unternommen. Viele wollen bei diesen merkwürdigen Ausflügen zum Ausklang des Pfingstwochenendes dabei sein - die Veranstaltung ist restlos ausverkauft.

Mit Freude, Vergnügen und Emphase liest Urs Klebe, freiberuflicher Spracherzieher in Stuttgart, die zum Teil sehr komplexen Wagner-Texte. Umgeben von und eingebettet in Musik von Sputnik 27. Hier ist der Name bereits Programm. Die Gruppe um den Schlagzeuger und Percussionisten Bernd Settelmeyer, allesamt hochklassige Jazzmusiker, versteht es, ein grosses Spektrum an Sinneseindrücken beim Zuhörer zu wecken, und ihn so mit auf eine Reise in ungewöhnliche Klangsphären zu nehmen. Ihren Teil dazu bei tragen der Klarinettist und Saxofonist Carsten Netz, der Böblinger Gitarrist Jo Ambros sowie der Kontra- und E-Bassist Uwe Lange.

Sphärische Klangteppiche zu legen, das verstehen die vier Musiker aufs Beste. Der Besen streichelt die Becken des Schlagzeugs, die Gitarre gibt leise klagende Töne von sich, die Saiten des Basses werden nur mit der Bespannung des Bogens touchiert, die Klarinette geistert mit Klezmer-Anklängen durchs musikalische All. Feine, geheimnisvolle Passagen, teils fragmentarisch, aber intensiv, steigern sich wie ein Pulsschlag mit grosser Dynamik dem mysteriösen Unbekannten entgegen, um schliesslich fliessend auf monotonen Bass-Akkorden fragend zu zerfasern.

"Landung auf einer unfertigen Welt" ist eines von Wagners Prosastücken überschrieben. Mit einer Fülle an Fantasie beschreibt er Wasserwelten, hohes Geflecht aus Tangwiesen, Wesen wie Raketen (!)
beleuchtet von den Grundfarben rot, gelb und blau auf fernen Planeten; vor dem inneren Auge entsteht eine freudlose, stille Welt, die schon Beklemmungen auslösen kann. Bildnerisch fasst er in Worte, wie am Horizont eine glühende, brodelnde Welt aufzieht. Vielleicht eine bessere? Ebenfalls mit viel Ideenreichtum bespielen die Musiker ihre Instrumente perkussionistisch, nutzen sie als vielfältige Klangkörper.

Das Gedicht "Neuschöpfung" beschreibt gebieterisch, wie aus brüllendem Chaos "der erste Funkel aus dem Dunkel" tritt. Intensiv tritt das Saxofon mit teils lasziven, teils knappen und groben Sequenzen auf den Plan; Bassist Uwe Lange hat vor Konzentration beinahe ein schmerzverzerrtes Gesicht. Bernd Settelmeyer treibt nervös drängend mit seinen Stöcken die anderen Musiker regelrecht vor sich her. Gut geeignet für sphärische Attitüden sind Steeldrums, denen er weiche, fliessende, aber auch pointierte Passagen und Zitate entlockt. "Auf kleinen Planeten" ist ein Wagner-Gedicht über "zwergige Planeten", auf denen er selbst fahrende Karossen, überirdische Gestalten mit fast ewigem Leben vermutet. Besonders erstaunlich sind seine 110 Jahre alte, glaubhaft formulierte und damals nicht nachprüfbare Vermutung über die Schwerelosigkeit im All sowie die Visionen von Energiegewinnung aus der Sonne.